Varoufakis soll Euro-Gespräche mitschneiden
Vorsicht, Mikrofon

Der umstrittene Finanzminister Varoufakis soll heimlich Tonaufnahmen von Treffen der Eurogruppe gemacht haben. Jetzt droht dem Minister der „Varoufexit“. Dennoch prüft die EU die Verlängerung der Hilfen für Griechenland.
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AthenHeute diskutiert der EU-Gipfel in Riga den Fall Griechenland. Ein Diskussionspunkt: Die Verlängerung des laufenden Rettungsprogramms für das Land über den Sommer hinaus. Die Euro-Länder prüfen diesen Schritt offenbar. Das sei „die beste Option“, um Griechenland vor der Pleite und einem versehentlichen Ausscheiden aus der Währungsunion zu retten, zitiert die „Sueddeutsche Zeitung“ einen hochrangiger Beamter der Eurogruppe.

Bevor die Gespräche in Riga beginnen, sorgt eine Meldung über Griechenlands exzentrischen Finanzminister Yanis Varoufakis erneut für Wirbel: Wenn der Athener Kassenwart mit seinen Kollegen in der Eurogruppe am Konferenztisch teilnimmt, hat er offenbar ein Aufnahmegerät dabei – Varoufakis schneidet mit. Schon bisher hat es der 54-Jährige nicht leicht im Kreis seiner Euro-Kollegen. Varoufakis neige zu langatmigen, belehrenden ökonomischen Grundsatzvorträgen, sei ständig gereizt, streitsüchtig und komme selten auf den Punkt, hört man aus Kreisen der Eurogruppe. Beim jüngsten Treffen der Finanzminister Ende April in Riga habe es sogar richtig Zoff gegeben, berichten Eingeweihte: Varoufakis sei von einigen seiner Kollegen als „Spieler“, „Zeitverschwender“ und „Amateur“ beschimpft worden.

Auf die denkwürdige Sitzung wurde Varoufakis jetzt in einem Interview mit dem New York Times Magazine angesprochen – und er dementierte heftig: „All diese Berichte, dass man mich beschimpft habe als Zeitverschwender und all das – lassen Sie mich sagen, dass ich dies mit jeder Faser meines Körpers bestreite.“

Und dann verrät Suzy Hansen, die Autorin des ausführlichen Porträts, das seit Mittwoch auf der Webseite der New York Times nachzulesen ist, etwas, das ihr Varoufakis möglicherweise unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, oder es ist ihm nur so herausgerutscht – jedenfalls steht der Satz in Klammern: „Er sagte, er habe das Treffen mitgeschnitten, könne die Aufnahme aber wegen der Regeln zur Vertraulichkeit nicht veröffentlichen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Varoufakis Pech hat mit der Presse. Er genießt die Rolle des Polit-Stars, gibt häufig und gerne Interviews. Allein im März sollen es rund 40 gewesen sein, habe griechische Journalisten gezählt. Aber manchmal gehen die Geschichten nach hinten los. Wie jene denkwürdige Homestory in der französischen Illustrierten Paris Match, die ihm international Spott und Häme eintrug. Die Fotoserie des Lifestyle-Magazins präsentierte in aufwendig inszenierten Posen Varoufakis und seine Frau Danae in ihrem Penthouse in einem der teuersten Wohnviertel Athens an der Akropolis.

Ein Foto zeigte Varoufakis im körperbetonten schwarzen T-Shirt beim Klavierspiel, ein anderes bei der Lektüre eines Buches – etwas peinlich: Es ist sein eigenes. Mal posiert das Paar eng umschlungen auf der Dachterrasse, mal prostet es sich an einem opulent gedeckten Mittagstisch mit Weißwein zu. „So sieht die humanitäre Krise in Griechenland aus“, spotteten Twitter-Nutzer. Varoufakis hatte bei seinem Amtsantritt die Griechen zu einem „einfachen Leben“ angehalten.

Und nun das Riga-Gate. Ob Varoufakis nur das Treffen in Riga mitschnitt oder routinemäßig Tonaufnahmen von allen Finanzministertreffen anfertigt, an denen er teilnimmt, bleibt offen. Seine Kollegen werden jedenfalls in Zukunft vorsichtig sein, was sie in Anwesenheit des Griechen sagen.

Aber vielleicht sind seine Tage als Finanzminister ja ohnehin gezählt. Hat er wirklich die angeblichen Tonaufnahmen gemacht, ist er kaum zu halten. In den Verhandlungen mit den Gläubigern zog Premier Alexis Tsipras seinen kontroversen Finanzchef bereits in die zweite Reihe zurück, die Gespräche werden jetzt von Vize-Außenminister Euclid Tsakalotos koordiniert. Griechische Medien sprechen bereits von einem „Varoufexit“.

Das ließ Varoufakis auch im Gespräch mit dem New York Times Magazine anklingen: „Früher oder später werde ich gehen.“ Wer kurz vor dem Abgang steht, kann sich offenbar dann auch ein ehrliches Urteil leisten. Auf die Frage der Reporterin, ob er besorgt sei angesichts des Zustands der griechischen Wirtschaft, sagte Varoufakis: „Ich bin entsetzt – entsetzt und entgeistert.“


Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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  • Dieser griechische Troll sollte besser auf irgendeiner Wut"bürger"demo als Steinewerfer mitmachen, als mit seinem versteckten Telefon unter erwachsenen Menschen herumlaufen.

  • Auch die griechische Seite wird behaupten, dass dies alles "nach bestem Wissen und Gewissen" erfolge. Damit sind die gleichen Voraussetzungen auch auf griechischer Seite vorhanden wie dies Frau Merkel auch in ihrem eigenen "Hühnerstall" erwartet.

    Wenn Varoufakis Tonaufnahmen angefertigt hat, so hat er damit lediglich elektronisch mitgehört, was er ohnehin selbst gehört hat und nicht abgehört.

    Wenn er also diese Tonaufnahmen lediglich zu dem Zweck angefertigt hat, um sein eigenes Protokoll später klarer abzufassen, was sollte daran verwerflich sein. Es ist doch ohnehin bekannt, dass sich die übrigen EU-Finanzminister darüber gebrüstet haben, wie sehr sie ihn in die Mangel nahmen. Nun haben wir Bürger die Gelegenheit zu erfahren, was tatsächlich abgelaufen ist.

    Das kann doch nicht negativ sein.

    In Banken, genauer in Handelsabteilungen der Banken, ist dies ohnehin Standard.

  • Varoufakis ist doch ein intelligenter Zeitgenosse.
    Spricht bestimmt mehrere Sprachen, außer Deutsch; und da ja Deutsch nicht
    autorisierte EU-Umgangssprache ist, braucht der gute Mann halt ein Instrument,
    mit dem er die Aussagen und Ansprachen von seinem Lieblingskollegen
    Schäuble nachvollziehen kann.
    Seine anderen Ansprechpartner -wie der verkommene Junker- machen auf
    Kumpel, versprechen Mist und meinen alles wird gut.
    Wenn Griechenland vom ESM profitieren sollte, d.h. aus diesem Topf finanziert
    wird, dann gibts richtig Stress in der Eurozone, d.h. richtig Zoff.

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