Varoufakis über die Euro-Gruppe
„Es ist ein Desaster, was Europa angetan wird“

Jede Woche ein neues Interview – und Griechenlands Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis teilt weiter aus. Zugleich betont er seine Verbundenheit zu Deutschland. Demnächst könnte es allerdings Ermittlungen gegen ihn geben.
  • 20

DüsseldorfYanis Varoufakis, der im Juli von seinem Amt als griechischer Finanzminister zurückgetreten ist, sieht sich selbst als Opfer einer gezielten Diskreditierung durch die Medien – bedauert, dass es ihm nicht gelungen sei, der deutschen Bevölkerung seine enge Verbundenheit zu Deutschland zu vermitteln: „Man wollte nicht, dass ich gehört werde. Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt, der den Deutschen ans Geld will. Meine Worte haben die deutsche Öffentlichkeit nie erreicht.“

Über sich selbst sagt der 54-Jährige im Gespräch mit dem „Zeit Magazin“ und „Zeit Online“: „Ich bin ein Außenseiter. Aber manchmal können nur Außenseiter wirklich erkennen, was schiefläuft, weil sie den nötigen Abstand haben.“

In dem Gespräch greift Varoufakis auch die Euro-Gruppe scharf an: „Die Währungsunion wird von einem undurchsichtigen Gremium regiert, das niemandem Rechenschaft schuldig ist und dessen Sitzungen nicht protokolliert werden. Meiner Ansicht nach ist das ein Anschlag auf die Demokratie. (...) Es ist ein Desaster, was Europa in dieser Runde angetan wird.“

Die ersten Tage seiner Amtszeit im Januar 2015 als Minister beschreibt Varoufakis gegenüber dem „Zeit Magazin“ und „Zeit Online“ als chaotisch: „Wir hatten noch nicht einmal Geld für Toilettenpapier. Als ich Minister wurde, bin ich in ein praktisch leeres Ministerium gezogen. In meinem Stockwerk - da waren nur ich und mein Laptop.“ Offensichtlich hätten seine Vorgänger alle Computer mitgenommen. „Es hat mich eine halbe Stunde gekostet, eine Internetverbindung in meinem Büro zu installieren.“ Die vorherige griechische Regierung habe die Beamten rausgeworfen und sich stattdessen mit Beratern umgeben. Als die Regierung gehen musste, seien auch ihre Berater gegangen, sagt Varoufakis. „Im Ministerium war keine Menschenseele.“

Die ehemalige Regierungspartei „Neo Dimokratia“ plant derweil laut Informationen des Fernsehsenders Skai TV einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, bei dem es um Varoufakis Rolle bei den Planungen zur Einführung einer neuen Währung gehen soll. Varoufakis hatte in einer Telefonkonferenz am 16. Juli, deren Mitschnitte am Montag veröffentlicht wurde, gesagt, Ministerpräsident Alexis Tsipras habe ihm im Januar vor seinem Amtsantritt den Auftrag gegeben, einen „Plan B“ zu entwerfen, falls Griechenland von Geldhähnen abgeschnitten werde. Er habe daraufhin ein fünfköpfiges Team unter Führung des US-Volkswirts James Galbraith zusammengestellt, das im Verborgenen arbeiten sollte.

Die Idee sei gewesen, jeder Steuernummer ein paralleles Konto zuzuweisen, über das Zahlungen hätten laufen können - zunächst auf Euro lautend, aber per Knopfdruck auf Drachmen umschaltbar. Er selbst habe einen alten Schulfreund, der sich gut mit Computern auskenne, gebeten, ihm bei der Planung zu helfen, die Daten der Steuerverwaltung zu hacken.

Diese Vorwürfe soll der Untersuchungsausschuss aufklären und damit eventuell Ermittlungen gegen Varoufakis vorbereiten.

Kommentare zu " Varoufakis über die Euro-Gruppe: „Es ist ein Desaster, was Europa angetan wird“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Griechen scheinen wirklich zu glauben, Europa sind sie und die anderen EU-Länder sind nur ihre finanziellen Unterstützer. Da könnte der Gedanke von Verblödung durch zu langes gegenseitiges Vermehren (auch Unzucht genannt) schon nahekommen.

  • Dem gesagten, kann ich mich nur voll anschließen.

  • Neben den schon lange bekannten Grexit Anwandlungen von Herrn Schäuble bestand auch die Gefahr, dass keine Euroscheine mehr ausgegeben werden. Die Regierung ist daher nicht nur berechtigt sondern verpflichtet, für diesen Notfall zu planen und dafür zu sorgen, daß die Menschen in Griechenland dann alternativ mit Zahlungsmitteln versorgt werden.
    Offensichtlich wurde alles demokratisch gelöst, die Griechen wollten den Euro weiterhin und daher gab es die bekannte Lösung mit Erpressung.
    Absolut nicht demokratisch ist, dass Griechenland von den Finanz-Institutionen die Gesetze diktiert werden.

    Herr Schäuble spart da ähnlich wie Reichskanzler Brüning 1932, um wie damals den Schuldenstand zu senken. Das hat aber schon damals nicht funktioniert und stürzte die Bevölkerung ins Elend, das Ergebnis sah man dann schon im Januar 1933.
    Die Geschichte wiederholt sich, es ist immer wieder das gleiche:
    warum lernen die Menschen nichts dazu?

    Ob USA, Japan, Deutschland, Portugal , Belgien , Spanien, Italien etc. etc. nur Billionen und Milliarden Schulden.
    Was haben die alle gemeinsam?
    Das Schuldgeldsystem mit dem Zinseszins.
    Das System funktioniert nur, wenn immer neue Schulden gemacht werden. Darum wird immer mehr Geld einfach durch einen Buchungssatz aus dem nichts „erschaffen“ und in den Markt geworfen. Im Schuldgeldsystem ist Sparen nicht vorgesehen.

    Zitat:
    Der Vorgang mit dem Banken Geld erzeugen ist so simpel, dass der Geist ihn kaum erfassen kann"
    - John Kenneth Galbraith (1908-2006), US-amerikanischer Ökonom, Präsidentenberater, Diplomat

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%