Varoufakis-Vorschlag
Merkel soll „Nachkriegsrede“ in Griechenland halten

Zur Lösung der Krise schlägt Finanzminister Varoufakis keine Reformen vor – sondern eine Rede von Angela Merkel. Er wünscht sich Worte, die so aufrüttelnd sind wie die des US-Außenministers Byrnes 1946 im Deutschland.
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Geld gegen Reformen – das ist das Mantra der Institutionen von Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU im Kampf gegen das griechische Schulden-Dilemma. In einem Gastbeitrag für die Non-Profit-Organisation „Project Syndicate“ dreht Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis nun den Spieß um: Athen sei durchaus bereit, „ein Abkommen mit Europa zu schließen, das die Fehlentwicklungen beseitigt, die das Land 2010 als ersten Domino-Stein umfallen ließ.“

Allerdings brauche sein krisengeschütteltes Land dafür jetzt vor allem eines: „Hoffnung.“ Wie lässt sich die wohl wecken in einem Staat, in dem mehr als jeder vierte Erwerbsfähige ohne Arbeit ist (EU-Durchschnitt: 11,2 Prozent) und dessen Zukunft seit Jahren im Ungewissen liegt? Varoufakis’ verwegener Vorschlag: eine „Hoffnungsrede“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel – so wie sie der ehemalige US-Außenminister James F. Byrnes im September 1946 in Stuttgart an das vom Krieg zerstörte Deutschland hielt.

Darin kündigte Byrnes eine Abkehr vom Plan des damaligen US-Finanzministers Henry Morgenthau an, der Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs teilen, deindustrialisieren und in einen Agrarstaat umwandeln wollte („Morgenthau-Plan“). Stattdessen stellte Byrns den Deutschen damals eine moderate Re-Industrialisierung in Aussicht – und damit auch die Möglichkeit, statt eines Bauernstaats eine florierende Wirtschaft aufzubauen. Mit dem Wirtschaftswunder der Fünfzigerjahre als Happy End der Geschichte.

So in etwa stellt sich Varoufakis das nun für Griechenland vor – auch, wenn das freilich nicht unter Besatzung steht: „Damals musste man moralisierende Einwände beiseite schieben und leidenschaftslos auf ein Land blicken, das in Umständen gefangen war, die auf dem Kontinent langfristig nur Streit und Spaltung erzeugt hätten“, so der Finanzminister. „Heute ist mein Land in solchen Umständen gefangen. Und es braucht Hoffnung.“

Reformen gegen warme Worte? Varoufakis geht sogar noch weiter: „Eine ‚Hoffnungsrede‘ für Griechenland würde jetzt den entscheidenden Unterschied machen – nicht nur für uns, sondern auch für unsere Gläubiger.“ Denn einmal ausgerufen, könne eine „griechische Wiedergeburt“ deren Sorge um einen baldigen Zahlungsausfall des Landes nicht nur mindern – sondern sogar völlig „beseitigen“.

Das ist natürlich praktisch: Denn damit wäre das ursprüngliche Problem – mangelndes Vertrauen der Kapitalmärkte – auch ohne Reformen gelöst. Hoffnung bräuchten dann nur noch die Gläubiger. Und die lässt sich bekanntlich nicht in Geld aufwiegen.

Kevin Knitterscheidt
Kevin Knitterscheidt
Handelsblatt / Volontär

Kommentare zu " Varoufakis-Vorschlag: Merkel soll „Nachkriegsrede“ in Griechenland halten"

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  • Sie WIRD das machen! Sie soll aber nicht ihr Mützchen, die gebückte Körperhaltung sowie den üblichen schuldbewußten, gedemüdigten Gesichtsausdruck vergessen... ach ne, das war ja woanders...

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • bloß nicht!

    wenn sie das macht hat sie schon verloren, denn damit würde sie zugeben, dass das Spardiktatt wie ein Krieg war und Deutschland der Agressor.

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