0 Bewertungen
09.06.2008 
Neues Gesetz

Venezuela wandelt sich zum „Spitzelstaat“

von Klaus Ehringfeld

Wer nicht Schnüffeln will, kommt in den Knast: Mit einem neuen Gesetz verpflichtet Präsident Chávez die Bürger zur Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. Juristen und Menschenrechtler üben scharfe Kritik - und fürchten einen Generalangriff auf die Opposition.

Präsident Hugo Chavez zwingt seine Bürger zum Spitzeln. Foto: ReutersLupe

Präsident Hugo Chavez zwingt seine Bürger zum Spitzeln. Foto: Reuters

MEXIKO-STADT. Menschenrechtsorganisationen und Juristen haben scharf gegen ein Gesetz protestiert, das die Venezolaner zur Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten verpflichtet und die Weigerung mit Gefängnisstrafe belegt. Der Verfassungsjurist Gustavo Linares Benzo bezeichnete das von Präsident Hugo Chávez vergangene Woche per Dekret erlassene Normenpaket als „Spitzelgesetz“.

Die Regelung diene dazu, der Regierung Informationen über mögliche Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit dem Präsidenten zu beschaffen, kritisierte Linares. Human Rights Watch beanstandet vor allem, dass nun auch Richter und Staatsanwälte dem Geheimdienst zuarbeiten müssen.

Das „Gesetz für Nachrichtendienst und Spionageabwehr“, das bis zu vier Jahre Haft für Personen vorsieht, die sich der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten entziehen, ist für Chávez wichtiger Bestandteil des Schutzes gegen Umsturzversuche von innen und Angriffe von außen, namentlich der USA. Es schütze vor „imperialistischen Angriffen“ und „Rebellionen in den Streitkräften“, betonte der Präsident. Bürgerrechte sieht Chávez durch das Gesetz nicht verletzt. Es sei im Rahmen eines „große Respektes vor den Menschenrechten“ entstanden.

Tatsächlich aber intensiviert das Gesetz die Überwachung der Bürger durch den Staat und setzt zahlreiche Bürgerrechte und Rechtsstaatsprinzipien außer Kraft. So hebelt es die Unschuldsvermutung aus und ermöglicht das Abhören von Telefonanrufen ohne richterliche Genehmigung. Zudem sieht es vor, Basisorganisationen und Sozialverbände für die Aufgaben des Geheimdienstes einsetzen zu können. Dieser wird überdies neu organisiert und unter direkte Verantwortung der Regierung gestellt.

Carlos Correa, Sprecher der venezolanischen Menschenrechtsgruppe Provea, erinnert das neue Gesetz an den „Patriot Act“, mit dem die US-Regierung sich nach den Attentaten vom 11. September 2001 außerordentliche Befugnisse für die Informationsbeschaffung geben ließ und dies mit dem Schutz gegen künftige Terrorakte rechtfertigte. Es weist aber auch Parallelen zum System auf Kuba auf, wo etwa die Nachbarschaftskomitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) die Aufgabe haben, die ideologische Treue der Bevölkerung zu überprüfen.

„Der Präsident wirft seinen Kritikern ständig vor, Putschisten und Imperialisten zu sein“, sagte der Jurist Alberto Arteaga der britischen BBC: „Daher ist zu befürchten, dass er die neuen Normen nutzt, um die Opposition einzuschüchtern oder zum Schweigen zu bringen.“ Auch deshalb wollen mehrere Organisationen gegen das Geheimdienstgesetz vor den Obersten Gerichtshof ziehen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Alles läuft auf ihn zu: Frank-Walter Steinmeier könnte die SPD bei der Wahl 2009 anführen. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick. Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • McCain begeistert die Rep...

    McCain begeistert die Republikaner

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals. Das Parteitreffen rundete dann John McCain mit einer umjubelten Rede ab.Bildergalerie 

  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Pecorino in Gefahr 

04.09.2008Global Reporting

Es ist schlecht bestellt um Italiens Schafkäse Pecorino. Und Schuld ist mal wieder die EU. Genau genommen die EU-Erweiterung. Nach zwei Wochen in den Berges des Apennin wischen den Marken und Abruzzen, mache ich mir Sorgen um die Herstellung meines geliebten Pecorino. Blog


weiterMadagaskar

Back to the USSR 

20.08.2008Madagaskar

Krieg als Mittel der Politik ist auch im 21. Jahrhundert keine Ausnahme und nicht den Despoten vorbehalten. Blog