Vereinigte Arabische Emirate
Träume von tausendundeiner Investition

Das Mini-Emirat Ras Al Khaimah mausert sich zum Geheimtipp für ausländische Unternehmen. Es lockt mit weniger Bürokratie und mit rund 50 Prozent niedrigeren Kosten als in Dubai. Rund 250 deutsche Unternehmen sind bereits vor Ort. Insgesamt haben sich allein im letzten Jahr rund 1 800 Firmen im Emirat angesiedelt.

RAS AL KHAIMAH. Der "Tower Links Golf Club" ist eine dieser Traumwelten. Im Emirat Ras Al Khaimah gelegen, nur eine Autostunde von Dubai entfernt, durchschneidet ein kleiner Kanal den sattgrünen Rasen, der Wind streicht durch die Blätter der Bäume. In der Ferne glitzert das dunkelblaue Wasser des Persischen Golfs. Wolfgang Fischer, ein Mann mit brauner Lederjacke und schütterem Haar, sitzt im Restaurant der Sportanlage und schwärmt von seiner Vision: "Ich möchte hier Sonnenkollektoren für 10 000 Häuser verkaufen."

Seine Unterhaltungselektronik-Firma in Deutschland hat der Schwabe verkauft, jetzt führt er einen kleinen Solarladen in der Al-Hamra-Mall. Den großen Coup hat er zwar noch nicht gelandet. "Aber die Menschen zeigen viel mehr Interesse als noch vor zwei bis drei Jahren", sagt Fischer. Warum Ras Al Khaimah und nicht Dubai? Fischer lächelt: "Ich stehe hier niemals drei Stunden im Stau, außerdem sind die Entscheidungswege viel kürzer."

Ras Al Khaimah gehört zu den kleineren der sieben Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Auch Abu Dhabi gehört zur VAE, das Emirat ist vor kurzem bei Daimler eingestiegen, jetzt wird ihm auch ein Interesse am deutschen Autobauer Opel nachgesagt. Ras Al Khaimah dagegen ist bislang weniger offensiv in Erscheinung getreten. Doch der Landstrich im Norden des Golf-Staates mausert sich zunehmend zum Geheimtipp für ausländische Investoren. Im Windschatten der Glitzer-Metropole Dubai wirbt Ras Al Khaimah mit weniger Bürokratie, bis zu 50 Prozent geringeren Kosten sowie einem angenehmen Lebensstil. Während die Finanzkrise am Selbstbewusstsein der Diva im Süden nagt, ein Bauprojekt nach dem anderen auf Eis gelegt wird und die Blechströme trotzdem die Verkehrsadern verstopfen, kommt Ras Al Khaimah aus der Tiefe des Raumes. Es empfiehlt sich als traumhafter Investitionsstandort.

Oussama el Omari verkauft diese Vision. Er ist Chef der Ras Al Khaimah Free Trade Zone Authority, einer der beiden Investitionsbehörden des Emirats. "Wir sind seit 2004 im Schnitt um zehn Prozent gewachsen: Auch in diesem Jahr legen wir zweistellig zu", prahlt er. Und weil es dem Mann mit feinem Zwirn und bunt gestreifter Krawatte Spaß macht, gegen Dubai zu sticheln, legt er nach: "Bei uns zahlen Unternehmen zwischen 24 und 48 Dollar pro Quadratmeter Bürofläche, in Dubai sind sie erst ab 195 Dollar dabei."

Für den bisherigen Superstar am Persischen Golf sind solche Töne eine Provokation. Jahrelang stellte Dubai einen Rekord nach dem anderen auf: den höchsten Wolkenkratzer der Welt, die kühnsten künstlichen Inselprojekte. Doch nach dem Exodus des internationalen Kapitals sind die Kreditmärkte leergefegt. Selbst US-Immobilien-Tycoon Donald Trump, der auf der Insel "Palm Jumeirah" einen spektakulären Zwillingsturm errichten wollte, bläst zum Rückzug.

Ras Al Khaimah dagegen ist der Lockruf der Kostenvorteile. Der Baustoffe-Produzent Knauf, eine von rund 250 deutschen Firmen vor Ort, hat vor einem Jahr den Grundstein für eine erste Fabrikanlage gelegt. Ab Mitte 2009 wollen die Bayern dort mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigen. Andreas Hangarter, Chef der RAK-German Engineering, konstruiert und entwickelt seit Anfang 2007 komplexe Fertigungslinien für die Automobil- und Luftfahrtbranche. Der Ravensburger hat derzeit sechs Inder angestellt. In einem halben Jahr will er das Personal auf 20 aufzustocken. "Die Preise liegen hier deutlich unter denen von Dubai", sagt er, "und wir arbeiten mit erheblich weniger Stress."

Auch Ernesto Woest, ein lächelnder Mann mit Brille, schwört auf Ras Al Khaimah. Der Geschäftsführer des Etikettenherstellers German Label hat eine 400 Quadratmeter große Lagerhalle im Technology Park gemietet, der zur Freizone gehört. Gerade mal 1 500 Euro zahlt er dafür pro Monat. "In Dubai können Sie so etwas vergessen." Für seine zwei Maschinen, die Etiketten stanzen und bekleben, hat er insgesamt 400 000 Euro lockergemacht.

Vor zwei Jahren baute Woest seine Firma aus dem Nichts auf. Nach einer langen Durststrecke macht das Unternehmen seit wenigen Monaten Gewinn. Woest stößt jedoch mit seinen Plänen, die Belegschaft zu vergrößern, auf Hindernisse: "Es ist sehr schwierig, hier gutes Personal zu bekommen." Er erwägt nun, Facharbeiter aus Deutschland einzufliegen.

Ras Al Khaimah und Dubai, das ist von den ökonomischen Kennzahlen her wie zweite Bundesliga gegen Champions-League. Das Mini-Emirat verfügt gerade einmal über 2 478 Quadratkilometer Fläche, Dubai über 3 885. Noch krasser ist die Kluft beim Bruttoinlandsprodukt: Während Dubai dank Immobilienboom, Handel, Tourismus und Finanzdienstleistungen 2008 rund 54 Milliarden Dollar erwirtschaftete, kam Ras Al Khaimah mit Bergbau, Handel und Landwirtschaft gerade einmal auf fünf Milliarden Dollar. Beide Emirate sind Habenichtse auf dem Petro-Sektor: Sie produzieren weniger als 100 000 Barrel Öl pro Tag, ein Klacks gegen die rund zwei Millionen Barrel des größten Emirats Abu Dhabi.

Doch Ras Al Khaimah hat die Scheu vor Dubai abgelegt und drückt bei der Firmenansiedlung aufs Tempo. 5 746 Betriebe haben sich seit 2000 in der Freihandelszone der Investitionsbehörde Ras Al Khaimah Free Trade Zone Authority registriert. Allein im vergangenen Jahr kamen 1 754 neue Betriebe dazu.

Die treibenden Kräfte der Standortoffensive sind zwei Söhne des Herrschers Scheich Saqr al Qasimi. Der jüngere, Scheich Faisal al Qasimi, ist Wirtschaftswissenschaftler mit US-Abschluss und Vorstandsvorsitzender der Ras Al Khaimah Free Trade Zone Authority. "Dubai führt immer noch in vielen Bereichen, aber im Immobiliensektor war eine Korrektur unvermeidlich", sagt er und lächelt. Sein Bruder Scheich Saud al Qasimi, der Kronprinz und De-facto-Regent, ist oberster Chef der zweiten Investitionsbehörde, der Ras Al Khaimah Investment Authority. Knapp 4 000 Unternehmen hat die Gesellschaft in den vergangenen drei Jahren angelockt.

"Wir bieten Unternehmen einen Rundumservice von der Beschaffung der Lizenz bis hin zur Anmietung des richtigen Büros", sagt Nadia Rinawi, Europa-Managerin der Ras Al Khaimah Free Trade Zone Authority in ihrem Kölner Büro. So könne das begehrte Papier für die Firmengründung innerhalb einer Woche ausgestellt werden - ein Vorgang, der sich in Dubai schon einmal über etliche Monate hinzieht. Neuerdings verfügt die Institution auch über einen "german desk", der deutsche Unternehmensvertreter vor Ort in ihrer Muttersprache betreut.

Dennoch, ohne ein bisschen Knüllerdenken à la Dubai geht es letztlich auch in Ras Al Khaimah nicht: In den Hadjar-Bergen soll in Kürze auf rund 1 700 Meter Höhe das Skiresort Jebel Jais entstehen. Ein weiterer traumhafter Ort in einer Traumwelt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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