Verfall der Auto-Hochburg
„Detroit ist eine Stadt in großer Not“

Als John Boyle 2005 die Bücher der Stadt Detroit prüfte, fand er eine finanzielle Zeitbombe. Doch niemand interessierte sich dafür. Jetzt ist die Auto-Hochburg so gut wie pleite. Im Interview erklärt Boyle, wie es dazu kam.

Wie würden Sie die Lage in Detroit beschreiben?

Detroit ist eine Stadt in großer Not, die vielleicht demnächst Insolvenz anmelden muss. Die Schulden häufen sich auf 15 Milliarden Dollar, das Achtfache der jährlichen Einnahmen.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Stadt ist Opfer eines fast perfekten Sturms. Früher waren gut bezahlte, qualifizierte Jobs ein wichtiger Teil der Wirtschaft, doch dann verschwanden mit der Zeit die Autofabriken und mit ihnen viel Industrie. Als die Firmen weggingen, die Steuern stiegen und Immobilienwerte einbrachen, ging es mit Detroit bergab. Doch die Autoindustrie ist nur ein Teil des Problems. Der andere sind schwere Fehler der Stadtverwaltung. Etwa, dass sie ihren Angestellten Pensionen garantierte, die sie sich gar nicht leisten konnte.

Im Jahr 2004 bat der damalige Chef-Rechnungsprüfer der Stadt Sie als externen Experten, die finanzielle Lage Detroits zu begutachten, weil er dem Bürgermeister misstraute. Ergebnis: Sie fanden ein riesiges Loch.

Ja, ich fand 7,2 Milliarden Dollar an ungedeckten Zusagen für die Gesundheitsvorsorge von pensionierten städtischen Angestellten. Diese Verbindlichkeiten standen nicht in den Büchern, denn Detroit war erst ab 2008 gesetzlich verpflichtet, solche Posten in die Finanzpläne aufzunehmen.

Wie kam es zu dieser Summe?
Die Stadt hatte die Lohnforderungen der Gewerkschaften mit höheren Pensionsleistungen befriedigt, doch dafür nichts zurückgelegt. Die Rechnung bekamen dann spätere Generationen von Steuerzahlern aufgedrückt. Da man früher bereits nach 20 bis 25 Dienstjahren mit vollen Bezügen in Pension gehen konnte, zahlte die Stadt also am Ende gleichzeitig für drei Polizeidirektionen, drei Feuerwehren und drei Verwaltungen – obwohl jeweils nur eine wirklich arbeitete! Die Stadt-Offiziellen hatten einfach keine Lust, es sich mit den mächtigen Gewerkschaften zu verscherzen.

„Korruption und schlechtes Management“

Haben Sie bei Ihren Recherchen mit der Stadt zusammengearbeitet?
Nein. Joe Harris, der damalige Chef-Rechnungsprüfer, hatte mich sogar gewarnt: Bürgermeister Kwame Kilpatrick (Anm. d. Red.: Kilpatrick wurde kürzlich unter anderem wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilt) darf nicht wissen, was du da machst, du musst es undercover tun.
Was passierte dann, als Sie den Bericht veröffentlichten?
Als wir im Mai 2005 schließlich dem Stadtrat unseren Bericht vorstellten, sagte ich: „Ihr habt hier ein großes Problem – 7,2 Milliarden Dollar Schulden, und es gibt keinen Weg, das zu bezahlen“. Joe wollte nicht, dass ich sage, Detroit sei bereits bankrott. Also riet ich dem Stadtrat, eine Insolvenz in Erwägung zu ziehen und legte dem Bericht eine Abhandlung über die Insolvenz von Kommunen bei.


Wie reagierten die Stadt-Offiziellen auf Ihren Befund?

Wir dachten, diese Leute müssen schockiert sein. Vor meinem Bericht hatte sich ja niemand die Pensions-Versprechen auch nur angeguckt. Man war davon ausgegangen, dass sie durch die Ausgabe frischer Anleihen von selbst verschwinden würden. Doch als ich dann meinen Bericht vor den Stadträten vorstellte, war nicht einer von ihnen bestürzt! Können Sie das glauben? Niemand sprach Joe oder mich später darauf an, auch die beiden anwesenden Zeitungen druckten kein Wort. Erst acht Jahre später tauchte die Geschichte erstmals in den Medien auf, in der „New York Times“.

Die Lage der Stadt war also schon schlimm genug, doch das Schlimmste sollte erst noch kommen: Finanzkrise, Rezession und Insolvenz von General Motors (GM) und Chrysler 2008/2009.

Ja, da rächte sich dann der Mangel an Haushaltsdisziplin in Detroit. Nun schrumpfte die Autoindustrie, weil sie keine wettbewerbsfähigen Produkte mehr baute und sich ihre eigenen Mitarbeiter nicht mehr leisten konnte. Dazu kam Korruption und schlechtes Management der Stadt, unbezahlbare Pensionen und dramatisch einbrechende Häuserpreise. Daneben hatten die Menschen mit hohen Steuern zu kämpfen, was dazu führte, dass sie sie nicht zahlen konnten und wegzogen, worunter wiederum das Schulsystem litt. Und das alles passierte in einem Bundesstaat, der seit acht Jahren in der Rezession steckte! In einem Land, das Ende 2008 ebenfalls in die Rezession rutschte! Deshalb ging Detroit baden.

Das Schlimmste sollte noch kommen

Warum schaffte es die Stadt nicht, dagegenzuhalten?
Die Bürgermeister haben versagt. Bei Kwame Kilpatrick hatten sie ein Management, das von Unehrlichkeit und betrügerischen Machenschaften geprägt war. Und mit Dave Bing (Anm. d. Red.: seit 2009 im Amt) haben sie einen Bürgermeister, der zusammen mit dem Stadtrat einfach seinen Job nicht erledigt.

Jetzt hat der Gouverneur des Staates Michigan einen Notfall-Finanzmanager in die Stadt geschickt. Wird Detroit schließlich doch noch die Wende schaffen?
Gouverneur Rick Snyder wird Detroit nicht fallenlassen. Außerdem gibt es in der Gegend eine Menge mächtige und engagierte Leute, die entschlossen sind, die Stadt vom Rand des Abgrundes wegzuziehen. Meiner Meinung nach liegen also die Chancen fast bei 100 Prozent, dass Detroit die Wende schafft. Aber es wird viel Zeit und viele Ressourcen brauchen.

Wäre es nicht einfacher für die Stadt, Pleite anzumelden?
Nein. In einem Insolvenzverfahren müsste alles vor Gericht. Notfall-Finanzmanager Kevyn Orr kann viele Dinge viel schneller erledigen. Außerdem gäbe es ja ein Stigma: Viele Leute würden zwar mit einem Finanzmanager zusammenarbeiten, aber nicht mit einer Pleite-Stadt. Sie tun also das Richtige.
Inwieweit hilft Detroit das Comeback der Autoindustrie?
Es kann helfen, aber wir wissen noch nicht, wie viel. Wenn es GM, Chrysler und Ford besser geht, ist das auch gut für Detroit. Doch für eine wirkliche Wende braucht es schon eine ganze Menge mehr.

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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