Verfassungsreferendum gestartet „Die Türkei wird zur Diktatur? Völliger Quatsch“

Erdogan-Anhänger verteidigen die Verfassungsreform – seine Gegner beklagen die Propaganda aus Ankara und fürchten um die Zukunft der Türkei. In Deutschland haben 1,4 Millionen Türken nun die Wahl. Ein Stimmungsbericht.
28 Kommentare
Die Türken in Deutschland können in 13 Wahllokalen über das Verfassungsreferendum in ihrer Heimat abstimmen. Quelle: AFP
Mehr Macht für Erdogan?

Die Türken in Deutschland können in 13 Wahllokalen über das Verfassungsreferendum in ihrer Heimat abstimmen.

(Foto: AFP)

DüsseldorfBeim türkischen Referendum gilt deutsche Sorgfalt: Vor dem türkischen Generalkonsulat in Düsseldorf lotst ein Parkplatzwächter die vielen Autos in die wenigen freien Parklücken. Absperrbänder sollen am Zaun des Konsulatsgeländes für Ordnung sorgen. Zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes kontrollieren am Eingang Taschen und Ausweise. Sogar einen Toilettenwagen haben die Organisatoren hier aufgebaut. In dem beigen Backsteinbau rund 3000 Kilometer von Ankara entfernt, geht es um die Zukunft der Türkei. Seit Montag dürfen deutschlandweit rund 1,4 Millionen Deutschtürken ihre Stimme für das Referendum abgeben.

Es sind Menschen wie Gökhan Ösme. „Wir brauchen jede Stimme“, sagt der 54-Jährige und hilft seiner Mutter beim Aussteigen aus dem Minibus. Weil die Bahnfahrt nach Düsseldorf für die Frauen aus seiner Nachbarschaft zu anstrengend gewesen wäre, hat er sich extra ein großes Auto geliehen. Der Parkplatz vor dem Konsulat ist so voll wie schon lange nicht mehr. Ösme, seine Mutter und die sieben weiteren Senioren kommen extra aus Wuppertal. Sie wollen dafür sorgen, dass es in der Türkei bald eine neue Verfassung gibt. „Erdogan ist gut für die Türkei, wenn er stark ist, ist das ganze Land stark“, sagt Ösme. Ösme weiß, dass jede Stimme zählt: Die Abstimmung könnte die Türkei maßgeblich verändern.

Deutschlandweit haben hier wohnhafte Türken in neun Generalkonsulaten und vier weiteren Wahllokalen die Möglichkeit, ihr Kreuz zu machen. Dabei könnten die Stimmen der Deutschtürken letztlich entscheidend für den Ausgang der Wahl sein. Umfragen zufolge sind die Lager der Befürworter und Gegner der Reform in der Türkei etwa gleich groß. Bei den Türken in Deutschland hingegen ist die Regierungspartei AKP um Regierungschef Recep Tayyip Erdogan überdurchschnittlich beliebt. Und er ist es schließlich, der die Reform durchbringen will, sie würde ihm deutlich mehr Macht bescheren. Vor zwei Jahren kam die AKP bei der Parlamentswahl in Deutschland auf knapp 60 Prozent – rund zehn Prozentpunkte mehr als in der Türkei.

Zu verdanken hat Präsident Erdogan das Menschen wie Gökhan Ösme. „Erdogan hat so viel für unser Land gemacht“, sagt er. „Unsere Krankenhäuser zum Beispiel, die waren früher eine Katastrophe, heute sind sie teilweise besser als in Deutschland.“ In seinen Augen ist das Referendum eine große Chance für die Türkei.

Wie die Türkei von Deutschland abhängt
Deutschland und Türkei im Streit
1 von 12

Mit verbalen Angriffen auf Deutschland hat Recep Tayyip Erdogan eine diplomatische Krise provoziert. Nach Absagen für geplante Wahlkampfauftritte seiner Minister, die in Deutschland für die Verfassungsreform werben wollten, hatte der türkische Präsident der Bundesrepublik „Nazi-Praktiken“ und Bundeskanzlerin Angela Merkel Terrorunterstützung vorgeworfen.

Fall Deniz Yücel
2 von 12

Auch der Fall des in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel belastet die Stimmung. Dabei kann sich das Land einen Streit mit Deutschland eigentlich nicht leisten – zumindest was die engen Handelsbeziehungen betrifft.

Wie steht die Türkei wirtschaftlich da?
3 von 12

Die fetten Jahre sind vorbei. Wuchs die Wirtschaft nach der Finanzkrise um neun Prozent, hat sich das Wachstum seither deutlich abgekühlt. Für 2017 hat die Weltbank ihre Wachstumsprognose auf 2,7 Prozent gesenkt. Investoren sind verunsichert wegen Terroranschlägen und Erdogans zunehmend autoritärer Politik. Vergangenes Jahr brachen die Direktinvestitionen laut türkischem Wirtschaftsministerium um 31 Prozent ein. Zudem stürzte die Landeswährung Lira ab. Das verteuerte Importe und trieb die Inflation auf mehr als acht Prozent. Für die Türkei ist das besonders hart, weil die Importe deutlich höher sind als die Exporte.

Schrumpfende Wirtschaft
4 von 12

Auch sonst geht es bergab: Die türkische Wirtschaft schrumpfte im dritten Quartal um 1,8 Prozent, die Arbeitslosigkeit lag zuletzt bei rund 12 Prozent. „Die Wirtschaft kollabiert“, warnt die Commerzbank. Doch die Türkei hat auch noch einige Trümpfe in der Hand: Eine relativ junge Bevölkerung, starker Konsum, niedrige Schulden und die geografisch günstige Lage zwischen Europa und Asien.

Wie wichtig ist die Türkei als Handelspartner für die Bundesrepublik?
5 von 12

Unter den deutschen Exportpartnern steht die Türkei auf Platz 15. Im vergangenen Jahr gingen Waren im Wert von knapp 22 Milliarden Euro in die Türkei. Bei den Importen belegt sie Rang 16. Das macht die Türkei zu einem wichtigen Handelspartner - doch andere Länder sind weit bedeutsamer. In die USA exportierte Deutschland Güter im Wert von fast 107 Milliarden Euro, nach Frankreich Waren im Wert von gut 101 Milliarden Euro und nach Großbritannien von 86 Milliarden Euro. Eine Abschottungspolitik unter US-Präsident Donald Trump, ein Rechtsruck in Frankreich bei den nahenden Präsidentschaftswahlen und Verwerfungen mit Großbritannien wegen des geplanten Brexits wären viel gefährlicher.

Wie stark hängen deutsche Schlüsselbranchen von der Türkei ab?
6 von 12

Die Türkei war ein Hoffnungsland für deutsche Firmen, wenn auch kein führender Markt. Die Autoindustrie hat dem Branchenverband VDA zufolge seit 2009 die Pkw-Exporte in das Land mehr als vervierfacht. Auch der Maschinenbau und die Chemie-Industrie profitierten vom Aufstieg der Türkei. Und für die deutsche Elektroindustrie ist das Land laut Branchenverband ZVEI der siebtwichtigste Investitionsstandort.

Leidet der gemeinsame Handel bereits?
7 von 12

Die Chemiebranche etwa, die 2016 Produkte im Wert von drei Milliarden Euro in die Türkei lieferte, ist zumindest alarmiert. „Man muss im Auge haben, dass da nichts anbrennt“, sagte Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer beim Branchenverband VCI. Die deutschen Auto-Exporte in die Türkei fielen 2016 schon um 10 Prozent.

Ähnlich guter Dinger ist sein Landsmann Ozan Ceylan. Er trägt ein rot-weißes T-Shirt mit türkischem Halbmond auf der Brust. Das habe er schon Mitte Februar angehabt, als er bei der Kundgebung von Ministerpräsident Binali Yildirim in Oberhausen war. „Ich bin stolz auf die Türkei und ich bin stolz auf Erdogan, ich stimme für 'Ja'“, sagt er. Der 56-Jährige kommt aus Mönchengladbach, für die Abstimmung in Düsseldorf hat er sich extra Urlaub genommen. Viele Deutsche hätten ein völlig falsches Bild von der Türkei und von den Folgen des Referendums:. „In Deutschland lese ich immer, dass die Türkei zu einer Diktatur wird, das ist völliger Quatsch.“ Zwar sei es richtig, dass Erdogan durch die Verfassungsreform mehr Macht bekäme, doch sei das auch nötig, wenn sich in der Türkei schnell etwas ändern soll.

„Wir jungen Türken müssen für die Türkei kämpfen“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Verfassungsreferendum gestartet - „Die Türkei wird zur Diktatur? Völliger Quatsch“

28 Kommentare zu "Verfassungsreferendum gestartet: „Die Türkei wird zur Diktatur? Völliger Quatsch“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • ... so etwas WIE eine unumstößliche Gewissheit. Herrje.

  • @Herr Alex Lehmann, 28.03.2017, 18:24 Uhr

    „Menschenrechte sind nur vollständig einführbar, …“

    Menschenrechte sind nicht „einführbar“, sondern waren schon immer eine für sich stehende Gegebenheit, so etwas eine unumstößliche Gewissheit.

    Es handelt sich bei den Menschenrechten also im Grunde um etwas für jeden vernunftbegabten Menschen Selbstverständliches (auch wenn ständig gegen sie verstoßen wurde und leider unverändert immer noch wird).

    Und ihre Einhaltung ist Conditio sine qua non (unabdingbare Voraussetzung) für nachhaltige Entwicklung und Frieden.

  • Das UN-Recht wurde erst nach WW2 eingeführt, um die Kriegsverbrechen gegen das Völkerrecht (chemische Waffen gegen Japan, Deutschland) zurechtfertigen! Laut Völkerrecht kann ein Volk sogar Angriffskriege führen, sobald es durch Aktionen, wie z.b. provozierte Hungersnöte bedroht ist, allerdings nicht um wirtschaftliche Vorteile zu erzielen, WW1 sozusagen...

  • Bei der Ausrottung der nord- und südamerikanischen Indianer (mit 200 Millionen Toten!) gab es allerdings UN, bzw. Völkerbund noch nicht.

    Seltsamerweise gibt es zu diesem größten Massaker der Menschheitsgeschichte keinerlei Holocaust-Museen in den USA, auch keine sog. "Stolpersteine" oder ähnliches.

  • Herr Alex Lehmann@Das sind alles Kollateralschäden der Wertegemeinschft,
    wie sonst könnte man die Welt zum Besseren ändern ?

  • Die UN ist absolute Farce! Die Menschenrechte sollen eben das Völkerrecht aushebeln, aber Pustekuchen, haben schon die Römer/Vatikan mit den kanonischen Rechten sowie die Angelsachsen mit dem Seerecht probiert! Keine Chance, Völkerrechtsbrüche werden noch entscheident! Fragt mal die Indianer und Ihre gemeuchelten Ahnen! Menschenrechte sind nur vollständig einführbar, wenn jedes Volk sich diesen unterordnet! Was ich nie und nimmer glaube das es passieren wird! Arbeitet mal schön alles auf, dazu müssten sich auch indianische Volksstämme unterordnen und Ihre Völkrerechtsansprüche aufgeben! Oder man müsste Sie auslöschen, was in Amerika auch fast passiert wäre!

  • Die Türkei soll einen "Arabischen Frühling" erleben, zu sehen im deutschenTV,
    Demos, Krieg, Soziale Medien, also das übliche um einen Staat zu zerstören.
    Die Kurden treiben Steuern, seit Jahren, in Deutschland ein u.s.w.

  • Nachtrag zu meinem Kommentar von 16:14 Uhr:

    Im Zuge der gesellschaftlichen Weiterentwicklung gehört die UN-Menschenrechtscharta insbesondere hinsichtlich des Artikels 18 („Religionsfreiheit“ ) dringend überarbeitet bzw. differenzierter ausgelegt, um Missbrauch ausschließen zu können.

  • @Frau Neumann
    Lassen Sie es geht sein. Herr Hiemer ist einer von diesen Verschwörungstheoretikern, der alles weiß, was wir beide nicht wissen. Hat keinen Sinn.

  • Frau Ursula Neumann@ Sie irren WiKi lesen 1933.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%