Verhandlungen vor Abschluss
IWF bewahrt Island vor Staatsbankrott

Aufatmen in Island: Mit fast einmonatiger Verzögerung wird das von einem Staatsbankrott bedrohte Land den lang herbeigesehnten Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie anderer Länder erhalten. Die insgesamt 2,1 Mrd. Dollar sollten über zwei Jahre in mehreren Tranchen zur Verfügung gestellt werden, teilte der IWF am Mittwoch mit.

STOCKHOLM. Die erste Rate über 827 Millionen Dollar stünde sofort zur Verfügung. Die restlichen acht Tranchen über jeweils 155 Mio. Dollar würden nach vierteljährlichen Überprüfungen frei. Island ist wie kein anderes Land von der Finanzkrise betroffen. Durch die Verstaatlichung von Banken und mit Hilfe ausländischer Darlehen versucht die Regierung eine Staatspleite zu verhindern. "Island ist in einer Bankenkrise von außergewöhnlichem Ausmaß", hieß es beim IWF.

Von den nordischen Ländern Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden, der EU, Polen und den kleinen Färöer-Inseln erhält Island 2,0 Mrd. Euro. Russland will den finnischen Angaben zufolge dem Inselstaat mit knapp 400 Mio. Euro unter die Arme greifen. Insgesamt benötigt Island nach Schätzung des IWF und des Finanzministeriums in Reykjavik bis Ende 2010 allerdings rund 20 Mrd. Euro. Die Auslandsverschuldung werde infolge der Notkredite von derzeit 29 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf etwa 109 Prozent im kommenden Jahr steigen.

Die Verhandlungen zwischen IWF und den anderen Kreditgebern hatten sich wegen eines Disputs über Spareinlagen ausländischer Kleinanleger bei isländischen Banken verzögert. Vor allem die EU-Staaten Großbritannien und die Niederlande hatten eine Zustimmung zu dem Notkredit von der Zusage Islands abhängig gemacht, ausländische Sparer bei den verstaatlichten Banken des Landes, Kaupthing, Landsbanki und Glitnir zu entschädigen. Auch in Deutschland sind mehr als 30 000 Kleinanleger betroffen, die ihr Erspartes auf Tagesgeldkonten bei der Kaupthing Edge Bank angelegt hatten. Am Wochenende erklärte sich die isländische Regierung bereit, die Sparer zumindest bis zur Höhe des isländischen Einlagesicherungsfonds von knapp 21 000 Euro zu entschädigen. Damit war der Weg für die Überbrückungskredite frei.

Neben der Auszahlung der ausländischen Sparer soll mit den Krediten zunächst die isländische Krone stabilisiert werden. Sie hat seit Jahresbeginn fast 70 Prozent ihres Wertes gegenüber Dollar und Euro eingebüßt. Das sei die dringlichste Aufgabe, sagte der isländische Premier Geir Haarde dem Handelsblatt. Allerdings lauert bereits eine neue Gefahr für das isländische Finanzsystem: Sollte die isländische Währung stabilisiert werden, könnten ausländische Investoren ihre isländischen Staatsobligationen schnell verkaufen. Nach Schätzung der Zentralbank in Reykjavik haben internationale Investoren bis zu 2,4 Mrd. Euro in isländischen Obligationen angelegt.

Die isländischen Bürger müssen sich auf schwere Zeiten einstellen: Die Zentralbank hat die Leitzinsen auf Wunsch des IWF auf 18 Prozent erhöht, sodass neue Kredite sehr teuer geworden sind. Weitere Erhöhungen sind nicht ausgeschlossen. Gleichzeitig leiden viele Menschen unter der extrem schwachen isländischen Krone, da sie ihre Hypotheken in ausländischen Währungen abgeschlossen haben. Unternehmen beklagen, dass sie keine kurzfristigen Kredite mehr erhalten, um Importwaren zu zahlen.

Premier Haarde sagte dem Handelsblatt, dass er im kommenden Jahr mit einer Schrumpfung der isländischen Wirtschaft um rund zehn Prozent rechne. Die Inflation ist mittlerweile auf 15 Prozent gestiegen.

Die Krise in dem Inselstaat hatte sich Ende September dramatisch zugespitzt, nachdem die drei Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir wegen der weltweiten Finanzkrise, aber auch wegen ihrer aggressiven, kreditfinanzierten Auslandsexpansion zahlungsunfähig geworden waren und verstaatlicht werden mussten. Ein Rettungspaket hätte die Regierung gar nicht schnüren können, da die Verbindlichkeiten der drei größten Institute rund zehnmal höher waren als Islands Bruttoinlandsprodukt.

Die Krise auf der Inselgruppe im Nordatlantik hat zu einer intensiven Debatte über eine schnelle EU-Mitgliedschaft geführt. Nach neuesten Umfragen befürworten rund 70 Prozent der Isländer einen Beitritt. Bislang hatte Island eine Mitgliedschaft strikt abgelehnt, weil man fürchtete, die fischreichen Gewässer um Island mit anderen EU-Staaten teilen zu müssen. Die Fischerei ist neben dem Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig des kleines Landes mit 320 000 Einwohnern.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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