Verhandlungen zwischen Indien und Pakistan gehen weiter
Atommächte lassen sich vom Terror nicht beirren

Die Häuser in der indischen Hauptstadt Neu Delhi sind mit bunten Lampen geschmückt. Am Dienstag wollen die Hindus Diwali feiern, das Lichterfest. Kurz darauf begehen die Muslime Eid- ul-Fitr, das Ende des Fastenmonats Ramadan.

HB NEU DEHLI. Am Samstag waren Zehntausende in Neu Delhi unterwegs, um Geschenke zu kaufen. Dann schlugen die Terroristen zu: Am frühen Abend explodierten binnen 20 Minuten drei Bomben, zwei davon auf belebten Märkten. Dutzende Menschen starben beim schwersten Anschlag in der Geschichte der Hauptstadt. Das mögliche Ziel der Bomben: Der indisch-pakistanische Friedensprozess. Doch die Atommächte ließen sich nicht beirren.

Indische Medien reihten die Anschläge in Delhi in die Reihe jener von New York, Madrid und London ein. Eine Terrorgruppe namens Islami Inqalabi Mahaz (Islamische Revolutionsfront) bekannte sich am Sonntag zu der Bluttat. Ein Sprecher der Gruppe drohte weitere Anschläge an, sollte Indien nicht seine Soldaten aus Kaschmir abziehen - eine für Neu Delhi undenkbare Forderung. Polizeioffizier Karnail Singh sagte, die Organisation sei seit 1996 aktiv und - besonders brisant - verbunden mit Lashkar-e-Toiba. Diese angeblich aus Pakistan operierende Terrorgruppe wird von Indien für den Anschlag auf das Parlament in Neu Delhi Ende 2001 verantwortlich gemacht, der damals fast einen Krieg zwischen Indien und Pakistan ausgelöst hätte.

Doch diesmal ist alles anders. Die Anfang vergangenen Jahres begonnenen indisch-pakistanischen Friedensgespräche, die vielen vertrauensbildenden Maßnahmen scheinen sich auszuzahlen. Als die Bomben explodierten, verhandelte gerade eine indische Delegation in Islamabad über die teilweise Öffnung der Waffenstillstandslinie im geteilen Kaschmir, um die Hilfe für die Überlebenden des Erdbebens vom 8. Oktober zu erleichtern. Kritiker in Indien warnen vor einer Öffnung. Sie befürchten, muslimische Extremisten würden die humanitäre Geste ausnutzen, ihren Terror vom pakistanischen in den indischen Teil Kaschmirs zu tragen. Trotz der Anschläge, die Wasser auf die Mühlen jener Kritiker waren: Die Gespräche hatten Erfolg.

Die indische Delegation unterbrach die Verhandlungen, als sie von den Bombenexplosionen hörte. Doch dann beeilte sich ausgerechnet der frühere Erzfeind Pakistan, als eines der ersten Länder überhaupt die Anschläge in Neu Delhi auf das Schärfste zu verurteilen. Die Regierung in Islamabad und das pakistanische Volk seien schockiert, teilte das Außenministerium kurz nach den Explosionen mit. Die Inder kehrten an den Verhandlungstisch zurück. Noch in der Nacht zum Sonntag verabschiedeten sie eine historische gemeinsame Erklärung: Die De-facto-Grenze in Kaschmir, die seit Jahrzehnten so gut wie undurchlässig ist, wird an fünf Punkten für Kaschmirer geöffnet.

Den Terroristen mag gelungen sein, das Lichterfest zu überschatten. Den Friedensprozess konnten sie nicht aus der Bahn werfen. Der Vize-Direktor des Instituts für Verteidigungsstudien in Neu Delhi, Uday Bhaskar, sagte, nicht nur habe Pakistan die Bluttat schnell verurteilt. Auch die indische Regierung habe sich nach den Anschlägen auffällig mit Schuldzuweisungen zurückgehalten. Neu Delhi sei nicht in den früher üblichen Reflex verfallen, Islamabad anzuklagen. „Das ist ein positives Zeichen“, sagt der Analyst. „Der Friedensprozess ist belastbar geworden.“

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