Verhöhnte Supermacht
Der amerikanische Albtraum

Zugeständnisse an Nordkorea, Chaos im Irak: Die US-Regierung sieht sich wegen ihrer Außenpolitik immer schärferer Kritik ausgesetzt. Vor allem Russlands Präsident Putin nimmt kein Blatt vor den Mund. Die wachsende Respektlosigkeit vor der westlichen Führungsmacht besorgt US-Präsident Bush. Er nahm jetzt Stellung zu den „zahlreichen Meinungsverschiedenheiten“ mit den Kreml.

HB WASHINGTON. Zwischen Washington und Moskau wächst das Misstrauen. Auf einer Pressekonferenz bezeichnete US-Präsident George W. Bush die Beziehung zu Russlands Präsident Wladimir Putin trotz gemeinsamer Ziele als „kompliziert“. Es gebe zahlreiche Meinungsverschiedenheiten, sagte Bush.

Grund für die Kritik: Putin hatte den USA jüngst bei der Münchner Sicherheitskonferenz in einer seiner schärfsten Reden seiner siebenjährigen Amtszeit vorgeworfen, mit exzessivem Einsatz von Gewalt nach der Weltherrschaft zu greifen und das internationale Recht mit Füßen zu treten. Die Nato-Osterweiterung und die geplante Stationierung von Waffensystemen in Osteuropa bezeichnete er als Bedrohung für den Frieden. Die Rede stieß bei vielen auf Kritik und wurde als Abkehr vom pro-westlichen Kurs Russlands bewertet.

Unübersehbar wächst die Respektlosigkeit vor der westlichen Führungsmacht. Putin hatte nicht zum ersten Mal seinem „Freund“ Bush wegen „Missachtung des Völkerrechts“ und „militärischem Abenteurertum“ die Leviten gelesen - und gelassen russische Waffenlieferungen an den Iran verteidigt, damit Teheran „sich nicht in die Ecke gedrängt fühlt“.

Washington bekommt zu spüren, dass wegen des Desasters im Irak und des amerikanischen Gesichtsverlusts Kritik an russischen Demokratiedefiziten und Menschenrechtsverletzungen in Moskau nicht sonderlich ernst genommen werden.

Bush hat mit seiner Politik des weltweiten „Krieges gegen den Terrorismus“, mit dem präventiven Militärschlag im Irak und seiner neokonservativen Vision von Demokratieexport und gezielten Regimewechseln die USA international in eine höchst unbequeme Lage gebracht. Der amerikanische Albtraum einer isolierten, verhöhnten, nicht selten sogar verhassten Supermacht droht Wirklichkeit zu werden.

Die Attacken Putins sind dafür ein guter Beleg: Obwohl militärisch und wirtschaftlich den USA weit unterlegen, braucht der russische Präsident die verbale Konfrontation nicht zu scheuen. Es kümmert Putin offenbar kaum, wenn McCain Russland „imperialistisches Gebahren“ vorwirft. Putin nütze offensichtlich „die Schwächen der US- Regierung“ aus, schrieb die „Los Angeles Times“. Denn wenn es um die Krisenherde in der Welt geht, sei es Nordkorea, Nahost oder Iran, haben die Russen ein gewichtiges Wort mitzusprechen.

Bush versucht zu beschwichtigen. Es bestehe weiterhin eine Basis für eine Zusammenarbeit, sagte der US-Präsident. So teilten beide Staaten das Ziel, den Iran von einer Abkehr von dessen Atomprogramm zu überzeugen. Bush lobte überdies Russlands Beitrag zu den jüngsten Fortschritten bei den Sechs-Parteien-Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm.

Trotzdem: US-Diplomaten sehen mit Sorge, dass auch die Führungen in Peking, Teheran, Damaskus oder Pjöngjang Kritik und Warnungen aus Washington offensichtlich wenig beachten. Umfragen signalisieren weltweit einen Tiefpunkt im Ansehen der USA. Politisch kann Bush auf internationalen Gipfeln - wie der Nato oder der G8 - immer weniger durchsetzen. „Wir haben eine Vertrauenskrise in der ganzen Welt. Noch nie war unser Land so isoliert“, sagte demokratische US-Senator John Kerry.

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