Verkehrte Welt
Wieso die Deutschen bei den Griechen in der Kreide stehen

Schulden die Griechen den Deutschen Geld, oder umgekehrt? Für den prominenten Widerstandskämpfer Manolis Glezos ist die Sachlage eindeutig. Großzügig wie er ist, würde er aber auf die Zinsen einen „Haircut“ akzeptieren.
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AthenDeutschland schuldet Griechenland nach Ansicht eines prominenten Widerstandskämpfers Milliarden von Euro und nicht umgekehrt. Die noch fälligen Entschädigungszahlungen aus der Kriegszeit beliefen sich auf 162 Milliarden Euro und überstiegen damit das gesamte EU-Rettungspaket von 130 Milliarden Euro bei weitem, erklärte der von vielen Griechen verehrte Manolis Glezos. Der heute 89-Jährige kletterte im Mai 1941 auf die Akropolis und entfernte eine Hakenkreuz-Fahne. "Wenn man drei Prozent Zinsen hinzurechnet, kommt man auf über eine Billion Euro. Aber wir können einen 'Haircut' auf die Zinsen akzeptieren", sagte Glezos in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Glezos wurde von den Nazis inhaftiert, gefoltert und in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Seine Stimme hat in Griechenland wegen seines berühmten Widerstands-Aktes besonderes Gewicht. Er ist noch heute ein prominenter Parlamentarier und kandidierte bei der Wahl am vergangenen Sonntag für die radikale Linke Syriza. Allein in der vergangenen Woche gab er nach eigener Aussage ausländischen Medien 80 Interviews - darunter Journalisten aus Japan und Venezuela.

Glezos erklärte, Deutschland habe die Griechen nie für die Nazi-Besatzung und Ausplünderung des Landes zwischen 1941 und 1944 entschädigt. Das lange aus den Schlagzeilen verschwundene Thema Reparationszahlungen hat in Griechenland eine Wiedergeburt erlebt, weil die Bevölkerung in den Auflagen der Geldgeber ein Spardiktat aus Berlin sieht. Die neue griechische Regierung hat sich vorgenommen, der deutschen Bundesregierung eine Abmilderung der Reformprogramms abzuringen.

Deutschland sei bei einer internationalen Konferenz in Paris 1946 zu einer Entschädigungszahlung von sieben Milliarden Dollar verurteilt worden, erklärte Glezos - dies entspräche unter Berücksichtigung der Inflation heute 108 Milliarden Euro. Außerdem sei Griechenland ein Zwangsdarlehen von 3,5 Milliarden auferlegt worden, was heute einen Wert von 54 Milliarden Euro hätte. Daraus ergebe sich die Summe von 162 Milliarden Euro, rechnete Glezos vor.

Im Februar wollten 28 griechische Parlamentarier das Thema Reparationen in der Volksvertretung debattieren. Die deutsche Bundesregierung erklärte im April, die historische Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg anzuerkennen, aber alle fälligen Entschädigungen an Griechenland beglichen zu haben und dabei sogar über rechtliche Verpflichtungen hinausgegangen zu sein.

Auf die Deutschen und Kanzlerin Angela Merkel ist Glezos noch heute nicht gut zu sprechen. Er vermutet, Merkel wolle sich bei den Griechen für den Widerstand gegen das Dritte Reich rächen. Diese Thesen mögen zwar gewagt sein, fallen aber bei der durch hohe Arbeitslosigkeit und Rezession frustrierten griechischen Bevölkerung auf fruchtbaren Boden.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Deutschland hat ihre Schuldnerschaft über Jahrzehnte hinweg systematisch verschweigt oder mit fadenscheinigen Begründungen abweist. Das bei bundesdeutschen Behörden beliebteste Scheinargument ist die Behauptung, die Ansprüche seien längst abgegolten und „Schnee von gestern“. Dabei werden als Vorwand Zahlungen genannt, die 1960 und 2003 erfolgten. Sie belaufen sich auf Beträge von 115 Millionen DM als sogenannte Globalzahlung und 20 Millionen Euro alös Entschädigung an ehemalige griechische Zwangsarbeiter.

    Der Wissenschaftler geht ausführlich darauf ein, wie raffiniert, verschlagen und unverfroren die bundesdeutsche Politik die Profiteure des Zweiten Weltkriegs – die deutschen Wirtschaftsunternehmen – vor solchen Zahlungen schützt. Im Notfall muss die Bevölkerung per Steuer dafür büßen.Die offenen Reparationszahlungen sind im Übrigen auch der Grund dafür, warum Griechenland plötzlich in die Euro-Zone aufgenommen wurde, obwohl sie dafür nicht reif war. Die Miss-Stände der griechischen Wirtschaft waren den zuständigen Eurokraten von Anfang an bekannt. Griechenland sollte jedoch mit dem Euro eine Beruhigungspille verabreicht werden, damit es vom Einfordern der Reparationen ablässt.

  • Ich kann es nicht mehr hören! Ich bin knapp 30 Jahre nach dem Krieg geboren, sogar meine Eltern waren noch Kinder bei Kriegsende. Bin gespannt, wann mal jemand die Kreuzzüge als Reparationsgrund anführt! Wenn mir jemand so kommt, diskreditiert er sich doch vollends, oder? Immer schön Ausreden suchen, aber nie die Schuld bei sich selbst sehen... Dieses total korrupte, unregierbare Land ohne funktionierende Verwaltung kann einfach auf Dauer nicht im Euro-Raum bleiben: da tun sich Abgründe auf.

  • Ach Gottchen......warum mit dem 2. Welt Schluß machen (anfangen?)? Spanien sollte Mittelamerika, Amerika den Ureinwohnern und Portugal halb Asien und Südamerika schleunigst mehrere hundert Milliarden Euro für die Ausbeutung der frühreren Jahrhunderte überweisen. Belgien, Frankfreich und die Niederlande müssen in Afrika ran. England hat Indien auszubezahlen, die Türken den halben Balkan und....oh ja....wann verdammt bezahlen eigentlich die Griechen den Türken, Syrern und Irakis/Iranern (allesamt Nachfahren der persischen Provinzen) die Reparationen für die Tonnen von Silber und Gold, die Alexander der Große von dort weggeschleppt hat?? Mit Zinsen dürften da ein paar hundert Trillionen zusammenkommen.....aber ich bin sicher man ist dort mit einem Zins-Cap einverstanden.

    Im übrigen sollte man nicht drüber nachdenken, wo wir wären, wenn es nach dem 2. Weltkrieg einen neuen Vertrag von Versaille gegeben hätte, sondern wo wir wären, hätten unsere Vorfahren nach dem 2. Weltkrieg statt die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken lieber die Hände in den Schoß gelegt, beklagt, wie schlecht alle Welt zu ihnen ist und versucht sich mit allerlei krummen Bauerntricks vor der Realität zu drücken. Hört endlich auf, euch zu bedauern und klotzt ran! Dann läßt euch Europa auch nicht im Stich.

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