Verlesung der Anklage
Karadzic wird Uno-Tribunal vorgeführt

Vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal hat am Donnerstag die erste Anhörung des früheren bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic begonnen. Von Gerichtspolizisten beaufsichtigt, betrat der mutmaßliche Kriegsverbrecher den Verhandlungssaal – ohne Anwalt.

HB DEN HAAG. Äußerlich unbewegt verfolgte der frühere Chef der bosnischen Serben Karadzic die Verlesung der Anklage. Ihm werden Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit währen des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 vorgeworfen. Zusammen mit dem noch flüchtigen Ex-General Ratko Mladic wird er für die 43-monatige Belagerung Sarajewos und den Mord an 8000 bosnischen Muslimen 1995 in Srebrenica verantwortlich gemacht. Die beiden Vergehen gelten als grausamste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Karadzic sagte, er wolle sich noch nicht zu den Anklagepunkten äußern, sondern die ihm zustehende 30-Tage-Frist nutzen. Er wies darauf hin, dass Chefankläger Serge Brammertz bereits eine Überarbeitung der Anklage angekündigt habe. Erst dazu wolle er sich äußern. Brammertz bestätigte, dass die Anklage noch verändert werden solle, konnte aber keinen Zeitpunkt dafür nennen.

Nach Angaben seines Bruders will Karadzic das Uno-Kriegsverbrechertribunal nicht anerkennen. Karadzic werde außerdem bei seiner Anhörung auf unschuldig plädieren, sagte Luka Karadzic der russischen Zeitung „Istwestija“. Bei der Festnahme des 63-Jährigen in Belgrad seien ein Computer sowie mehr als 50 CDs mit Dokumenten beschlagnahmt worden, die der Beschuldigte dringend zu seiner Verteidigung benötige. Sein Bruder habe sich gut auf einen Prozess vorbereitet, da er mit seiner Verhaftung gerechnet habe, sagte Luka Karadzic.

Er habe Radovan Karadzic seit der Festnahme in Belgrad täglich gesehen. „Er sieht sehr gut aus, ist nach wie vor lustig und ein großer Optimist.“ Sein Bruder hoffe auf die Hilfe der russischen Diplomatie, sagte er. Das Außenministerium in Moskau hatte die Verhaftung als innere Angelegenheit Serbiens bezeichnet.

Der 63-jährige Karadzic war am 21. Juli verhaftet und am Mittwoch in ein Gefängnis in Scheveningen gebracht worden. Er hatte unter falschem Namen mit langem Vollbart und wallender Mähne elf Jahre unerkannt in Serbien gelebt und als Arzt gearbeitet. Vor Gericht erschien er rasiert mit gekürzten Haaren in einem dunklen Anzug und sah damit fast wie früher aus, als er Präsident der Serbischen Republik war.

Karadzic will sich nach Angaben seines Anwalts in Serbien vor dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien selbst verteidigen. Er folgt damit dem Vorbild des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Dieser war 2006 im Haager Gefängnis kurz vor der Urteilsverkündung nach einem vier Jahre langen Prozess gestorben.

Chefankläger Serge Brammertz geht davon aus, dass der Prozess gegen Karadzic in einigen Monaten beginnen kann. Bei der Handhabung des Verfahrens wolle aus dem immer wieder hinausgezögerten Milosevic-Prozess lernen, hat Brammertz angekündigt. „Es wird eine komplizierte Verhandlung, aber wir sind uns vollkommen im Klaren darüber, wie wichtig es ist, effizient zu sein.“

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