Vernachlässigte Stromnetze
Türkei droht der Energie-Notstand

Rund um das Mittelmeer gehen bei starker Hitze die Lichter aus, weil zu wenig in die Stromnetze investiert wird. In der Türkei ist die Lage besonders schlimm. Was Politiker nicht ernst nehmen wollen, ist für Fachleute das Vorspiel zu einer Energiekrise.

ISTANBUL. Dass in den türkischen Touristenhochburgen Antalya, Alanya oder Marmaris jetzt immer mal wieder der Strom ausfällt, nehmen die meisten Urlauber gelassen. Die Sonne am Pool scheint schließlich weiter. Die Blackouts sind allerdings Vorboten einer ernsten Krise: Der Türkei droht in den kommenden Jahren ein dramatischer Engpass bei der Elektrizitätsversorgung. Der Strom-Notstand könnte das Wirtschaftswachstum gefährden.

Aktuell sind es vor allem die extreme Dürre und die Rekordhitze, die zu Problemen führen. In der Hauptstadt Ankara wurde bereits das Trinkwasser rationiert: Die 3,6 Millionen Bewohner bekommen nur noch alle 48 Stunden für jeweils zwei Tage Leitungswasser. Auch in Istanbul drohen Sperren. Betroffen ist auch die Elektrizitätsversorgung. Die Türkei gewinnt etwa 25 Prozent ihres Stroms aus Wasserkraft. Nach dem extrem niederschlagsarmen Winter sind die meisten Reservoirs nur noch zur Hälfte gefüllt. Die Turbinen an den Staumauern bringen deshalb nicht mehr volle Leistung. Zugleich hat sich die Stromnachfrage in diesem Sommer – dem heißesten in der Türkei seit Beginn der systematischen Temperaturaufzeichnungen vor 87 Jahren – stark erhöht. Die Klimaanlagen laufen jetzt überall auf Hochtouren. „Allein in Antalya hat sich der Stromverbrauch in den beiden vergangenen Monaten um 44 Prozent erhöht“, berichtet Energieminister Hilmi Güler. Der Minister meint aber, das sei zu schultern: „Es gibt kein ernstes Problem.“

Fachleute sind da ganz anderer Ansicht. Sie warnen vor einer drohenden Energiekrise. Cengiz Göltas von der Kammer der Elektroingenieure in Ankara meint: „Nicht nur die gegenwärtige Regierung sondern auch ihre Vorgängerinnen haben seit 20 Jahren Investitionen im Elektrizitätssektor versäumt und stattdessen Zeit mit leerem Gerede über Atomkraftwerke verschwendet.“ Tatsächlich kündigte Ministerpräsident Tayyip Erdogan Ende 2005 wieder einmal den Bau von zwei Kernkraftwerken an. Die Pläne gehen bis in die 70er Jahre zurück. In Gang gekommen ist das Projekt aber immer noch nicht.

Dabei braucht das Land dringend neue Kraftwerkskapazitäten, wenn die steigende Stromnachfrage der Industrie und der privaten Haushalte befriedigt werden soll. Nach China, Indien und Brasilien liegt die Türkei beim Anstieg des Stromverbrauchs weltweit auf Platz vier. 2006 wuchs die Nachfrage um 8,4 Prozent. Für die nächsten Jahrzehnte rechnen die Fachleute mit ähnlichen Wachstumsraten, denn bisher verbrauchen die Türken pro Kopf nur etwa ein Viertel so viel Strom wie die Deutschen. Von 190 000 Gigawattstunden (GWh) im Jahr 2006 wird die Elektrizitätsproduktion bis 2020 voraussichtlich auf 400 000 GWh wachsen müssen, um den Bedarf zu decken.

Energieminister Güler beziffert den Investitionsbedarf im Elektrizitätssektor bis 2020 auf 105 Mrd. Dollar. Ohne ausländisches Kapital wird das nicht gehen. Aber die Investoren zögern. Denn die Deregulierung des Strommarktes stockt. Im Januar annullierte die Regierung die bereits angelaufene Privatisierung von 19 regionalen Strom-Verteilungsnetzen. Dabei hatten bereits 37 Konsortien Interesse bekundet, darunter fast alle großen europäischen Stromkonzerne. Die Stornierung wecke „ernste Zweifel“ an der Energiestrategie der Regierung, kritisierte der Industriellen- und Unternehmerverband Tüsiad.

Überdies hat die Regierung seit ihrem Amtsantritt Ende 2002 die Stromtarife nicht mehr erhöht, um die Wähler nicht zu verprellen. Die künstlich niedrig gehaltenen Tarife benachteiligen vor allem die privaten Kraftwerksbetreiber, die nahezu die Hälfte der Stromproduktion erbringen. Im Gegensatz zu den staatseigenen Produzenten, die ihre Kraftwerke überwiegend mit billiger heimischer Kohle befeuern oder Wasserkraft nutzen, arbeiten die privaten Stromfabriken meist mit importiertem Erdgas. Und das hat sich seit 2002 um mehr als 40 Prozent verteuert.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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