Verschärfte Überwachung
Britische Kulturwende verunsichert Muslime

Großbritanniens Integrationsministerin Ruth Kelly hat Kommunen und Polizeiverbände zu einer Verschärfung des Kampfes gegen den Extremismus aufgefordert. „Der neue Extremismus ist das größte Sicherheitsrisiko, vor dem Kommunen und Gemeinden stehen.“

LONDON. Ministerin Kelly forderte Vertreter von 20 Kommunen und Polizeivertreter, die Zentren des Extremismus in Moscheen, Schulen, Universitäten zu identifizieren und gemeinsam mit der Regierung aufzubrechen.

Nach Berichten des Guardian sollen unter anderem Universitätsdozenten aufgefordert werden, ein wachsames Auge auf „asiatisch aussehende Studenten“ zu werfen. Die Regierung glaubt, dass islamische Sudentenverbände zunehmend politisiert werden und als Rekrutierzentren für Extremisten dienen. Einer der im Juli wegen der geplanten Anschläge auf Transatlantik Flüge Verhafteten war Leiter einer Islamvereinigung an einer Londoner Uni.

Im Sommer übte Kelly als erste Ministerin seit 30 Jahren Kritik am Konzept des Multikulturalismus und fragte: „Haben wir religiöse und ethnische Differenzen auf Kosten der nationalen Kohäsion gefördert.“ Seither laufen zahlreiche Debatten und Initiativen, die bei den knapp zwei Millionen britischen Muslimen zu wachsender Verunsicherung führt.

Die radikale Organisation Hizbut-Tahrir kritisierte, Kelly wolle Muslime einschüchtern. Der Vorsitzende des britischen Muslimrats (MCB), Muhammad Abdul Bari beschwerte sich über die „Stigmatisierung“ von Muslimen. Unter anderem bemängelte er, dass die Polizei Muslime überdurchschnittlich oft überprüfe. Kelly, die selbst wegen ihrer Mitgliedschaft in der katholischen Organisation „Opus Dei“ in die Schlagzeilen geriet, hatte vergangene Woche angedroht, Muslimorganisationen die Finanzhilfe zu entziehen, die sich nicht aktiv am Kampf gegen Extremismus beteiligen. Dies war auch gegen den MCB gerichtet, bislang wichtigster Dialogpartner der Regierung unter den Muslimen.

Tory-Schatteninnenminister David Davies kritisierte im „Daily Telegraph“ die „übertriebene Empfindlichkeit“ der Muslime und warf ihnen vor, der Debatte auszuweichen. Er sagte auch der Selbstabschottung der Muslime den Kampf an. In einer offenen Gesellschaft dürfe es keine „freiwillig geschlossenen Gesellschaften“ geben. Die Gesellschaft müsse klar signalisieren, was akzeptabel sei und was nicht.

Dies geschieht nun immer offener. Erziehungsminister Alan Johnson will Konfessionsschulen vorschreiben, mindestens 25 Prozent Schüler anderer Konfessionen aufzunehmen. Schon wird diskutiert, ob nicht-gläubige Schülerinnen in islamischen Schulen zum Tragen des Kopftuchs gezwungen werden dürften.

Nach der vom ehemaligen Außenminister Jack Straw angestoßenen Debatte über den Gesichtsschleier wurde einer Grundschullehrerin verboten, den Schleier im Englischunterricht zu tragen. Als diese gegen das Verbot vor Gericht zog, forderte der Minister für Rassengleichheit, Phil Woolas, ihre Entlassung. Krankenhäuser haben den Gesichtsschleier bei der Begegnung mit Patienten verboten. Und eine ehemalige Ministerin kritisierte den Schleier, weil er Frauen hindere, in der Gesellschaft ihr volles Potential zu entfalten.

Streit tobt aber auch auf der anderen Seite: Christen haben zum Boykott der Fluglinie British Airways aufgerufen, weil sie ihrem Personal das Tragen von Kreuzen an Halsketten über der Uniform verboten hat. Turbane und Kopftücher sind weiter erlaubt.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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