Verteidigungsminister im Zeugenstand
Hoon kämpft um politisches Überleben

Wenn es darum ging, seinem Chef in turbulenten Zeiten Loyalität zu beweisen, stand Verteidigungsminister Geoff Hoon (49) stets Schulter an Schulter mit Tony Blair. Die Freundschaft zwischen Blair und dem von ihm stark geförderten „Modernisierer“ Hoon blieb im monatelangen Streit um Großbritanniens Teilnahme am Irak- Krieg scheinbar unerschütterlich. Jetzt heißt es, Hoon könnte in der Affäre um den Waffenexperten David Kelly zum „politischen Opferlamm“ gemacht werden.

HB/dpa LONDON. Jetzt, wo die Glaubwürdigkeit der Labour-Regierung über dem Irak- Waffendossier zu zerbrechen droht, kommen plötzlich Dissonanzen und gegenseitige Anschuldigungen zwischen der Machtzentrale Downing Street und dem wichtigen Ministerium ans Licht. Beide Seiten versuchen, sich die Verantwortung für den Umgang mit Kelly vor dessen Selbstmord im Juli in die Schuhe zu schieben.

Bestimmt und in ruhigem Ton wies Hoon vor dem Ausschuss den Vorwurf zurück, er habe sich höchstpersönlich dafür eingesetzt, den Namen Kellys als Quelle für einen umstrittenen BBC-Bericht an die Öffentlichkeit zu bringen. „Ich habe das nicht betrieben“, sagte Hoon. Zugleich habe er es aber „für wichtig“ gehalten, der „Kultur des „Durchsickerns von Nachrichten“ in seinem Ministerium ein Ende zu setzen.

Schon am 19. Juli, einen Tag nachdem die Leiche Kellys in einem Waldstück bei Oxford gefunden worden war, hatte Hoon erklärt: „Sein Name wurde mit Sicherheit nicht von mir der Presse zugespielt. Wir haben die größten Anstrengungen unternommen, die Anonymität von Dr. Kelly zu wahren.“

Seitdem wurde aus Zeugenaussagen und dem Ausschuss vorliegenden Beweismaterial aber deutlich, dass Hoon sowohl bei der Identifizierung von Kelly als Quelle, als auch bei seinem Erscheinen vor zwei Parlamentsausschüssen eine führende Rolle spielte. „Ich wurde durch die Mangel genommen“, soll Kelly vor seinem Freitod einem Journalisten gesagt haben. Alastair Campbell, der einflussreiche PR- Chef von Blair, machte vor dem Ausschuss klar: „Die Verantwortung für die Strategie der Namensnennung von Kelly lag beim Verteidigungsministerium.“

Hoon war nach den Aussagen auch intensiv darum bemüht, Kellys Zweifel an dem zentralen Vorwurf, Saddam Hussein könne seine Massenvernichtungswaffen „innerhalb von 45 Minuten“ gegen den Westen richten, nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Kelly habe nach seiner Einschätzung sogar mit der Irak-Politik der Regierung übereingestimmt, gab Hoon dagegen zum Erstaunen der Zuhörer am Mittwoch vor dem Ausschuss an. Auch mit der umstrittenen Strategie seines Ministeriums, den Namen Kellys nach reichlichen einschlägigen Hinweisen auf Fragen von Journalisten zu bestätigen, will Hoon nichts zu tun gehabt haben. „Das war eine Personalangelegenheit“, sagte der Minister, die von seinem Presseteam unabhängig erledigt wurde.

Der ehemalige Europa-Abgeordnete Hoon, der nach einer Blitzkarriere im Oktober 1999 ins Kabinett berufen wurde, war Blair schon damals durch seine „solide und stille“ Arbeitsweise in zwei anderen Ministerien aufgefallen. Kritiker beschreiben Hoon, von Beruf Rechtsanwalt, eher als einen „kalten, kalkulierenden Politiker.“ Dieses Image hat Hoon nach nach Ansicht von Beobachtern mehrfach durch sein Verhalten bestärkt. So tauchte Hoon an dem Wochenende des Selbstmords von Kelly als VIP beim Formel-1-Rennen in Silverstone auf. Kellys Begräbnis verpasste der Minister, weil er in Urlaub war.

Selbst wenn sich nach Abschluss der Untersuchungen Ende September herausstellen sollte, dass Hoon in dieser undurchsichtigen Affäre zum „Sündenbock“ gemacht und zum Rücktritt gezwungen werden sollte, kann dies keine gute Entwicklung für Blair sein. Dem Premierminister steht damit der Abgang eines weiteren Blair-Loyalisten ins Haus. Auch Alastair Campbell wird voraussichtlich im Herbst zurücktreten.

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