Verzweifelte Überlebende und hilflose Retter – Eine erste Bestandsaufnahme
„Es war wie nach einem Atomangriff“

Verzweifelte Überlebende und hilflose Retter – Eine erste Bestandsaufnahme der Katastrophe in Asien.

Khao Lak: Als das Meer sich zurückzog und dann mit Urgewalt über die Anlagen brauste, saßen die Urlauber wie in einem Kessel fest. Bis zum zweiten, dritten Stock sind die Häuser, die noch stehen, verwüstet. Doch mehr als die Hälfte der Luxushotels, gemütlichen Resorts und vereinzelten Basthütten wurde aufs Meer gespült. Hier wurde viel Geld investiert. Unter Touristen galt Khao Lak als einer der schönsten Orte Thailands überhaupt – bis die Flutwelle kam. „Es ist wie nach einem Atombombenangriff“, sagt der Deutsche Olaf Schomber, der in Khao Lak ein Reiseunternehmen betreibt. Das Meer spült immer mehr der meist bis zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmten Körper an Land. Wie viele es sein werden, kann und mag niemand sagen. Das Gelände eines buddhistischen Tempels ist die erste Sammelstation für die Leichen. Je vier Mann schleppen bei 35 Grad im Schatten die Körper über den Schutt, dann werden sie auf Pick-ups geladen. Immer wieder brechen Angehörige zusammen, die ein Opfer identifizieren können. Die Thais holen die Körper ihrer Angehörigen heim, um sie nach buddhistischer Tradition zu bestatten. Doch die meisten der getöteten Touristen werden wohl verbrannt werden. Es drohen Seuchen, Hunderte Körper sind bereits stark verwest. Wer verbrannt wird, dem werden zuvor Haare für einen DNA-Test abgeschnitten. Wann die Ergebnisse vorliegen, weiß hier niemand.

Banda Aceh, Sumatra: Die Menschen liegen so, wie sie gestorben sind – mehr als 1 000 auf einer Fläche von vier Fußballfeldern. Sie waren gekommen, um bei einer Sportveranstaltung zuzuschauen – und hatten keine Chance, als die Flut über sie hereinbrach. Soldaten und Freiwillige schleppen die Toten zu den Massengräbern. Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Es fehlt an allem – an Wasser, an Lebensmitteln und an Leichensäcken. „Wo ist denn die Hilfe? Nichts ist da, die gesamte Regierung schläft“, beklagt sich Mirza, ein 28-Jähriger aus der Hauptstadt der Nordprovinz Sumatras. Doch in Aceh, das dem Epizentrum des verheerenden Bebens vom Sonntag am nächsten liegt, herrschte schon vor der Katastrophe der Ausnahmezustand: Rebellen kämpfen hier für die Unabhängigkeit von der indonesischen Zentralregierung, erst heute soll die Region für ausländische Helfer geöffnet werden.

Hamburg: Gäste schleppen Säcke mit Kleidung in ein kleines Ecklokal im Szene-Stadtteil Winterhude, andere spenden Geld. „Ich wollte einfach nur helfen“, erzählt Leonie, der das Café gehört, „aber ich vertraue den Hilfsorganisationen nicht.“ Also hat die 39-Jährige, die als Kind aus Sri Lanka nach Deutschland kam, zusammen mit ihrem Vater auf eigene Faust Hilfe organisiert. Ihre Mutter, die noch auf Sri Lanka lebt, ist in Sicherheit. Aber Leonie muss weiter zittern „Ein Cousin ist noch verschwunden“, sagt sie leise. Phuket: Mit Schnittverletzungen und Blutergüssen im Gesicht liegt Sophia im Internationalen Krankenhaus im thailändischen Phuket. Von den Eltern des zehnjährigen Mädchens aus Deutschland fehlt bislang jede Spur. Dutzende verzweifelte Eltern kamen ins Hospital in der Hoffnung, dass sie ihr vermisstes Kind dort finden. Vergeblich. „Ich habe viele Kinder sterben sehen“, erzählt Karl Kalteka aus München, der mit mehreren Knochenbrüchen am Flughafen von Phuket auf die Maschine nach Hause wartet. „Ich habe Eltern gesehen, die versucht haben, ihre Kinder festzuhalten, aber es war unmöglich.“ Jedes dritte Todesopfer, schätzt Unicef, ist ein Kind.

Berlin: Ein bleicher deutscher Außenminister tritt vor die Kameras: „Es erreichen uns furchtbare Berichte“, sagt Joschka Fischer. Die Zahl der Opfer steige stündlich. In Südasien spiele sich eine „wahrhafte Jahrhundertkatastrophe“ ab, eine „menschliche Tragödie, wie ich sie noch nicht erlebt habe“. Fischers Stimme ist belegt, er stockt. „Wir müssen das Schlimmste befürchten.“ Die Bundesregierung geht von einer dreistelligen Zahl vermisster Deutscher aus. Bundeskanzler Gerhard Schröder bricht seinen Weihnachtsurlaub in Hannover ab.

Stockholm: Am Nachmittag spricht Schwedens Außenministerin Laila Freivalds mit versteinerter Miene in die Mikrofone: Die Seebebenkatastrophe in Asien sei eine „internationale Tragödie und ein nationales Trauma für Schweden“. Zu etwa 1 500 der 30 000 schwedischen Urlauber, die sich im Katastrophengebiet aufhalten sollen, habe man noch keinen Kontakt. „Wir fürchten, dass viele von ihnen nicht mehr gefunden werden“, sagt Freivalds mit gedämpfter Stimme. Eine Gruppen-SMS an die Handys aller Landsleute in den betroffenen Regionen soll Gewissheit bringen. Mit der Kurznachricht werden die Überlebenden aufgefordert, sich umgehend bei Konsulaten zu melden. Frankfurt: „Jetzt kommt sie langsam auf dich zu, das Wasser schlägt dir ins Gesicht“, singt die Gruppe „Juli“. Deutsche und österreichische Sender nehmen am Dienstag den Hit „Die perfekte Welle“ vorläufig aus dem Programm.

Colombo: „Das Boot, die Netze und die Möbel – alles ist im Meer.“ Dem 65-jährigen Fischer Andru Perera, der seit 48 Jahren jede Nacht auf den Indischen Ozean hinausgefahren ist, hat die See alles entrissen. Seinem Steinhäuschen im südlich von Colombo gelegenen Wadduwa fehlt die gesamte Front. Nun schläft er mit seiner Frau und seinen drei erwachsenen Kindern in einem städtischen Versammlungszentrum. Nur wenige Kilometer entfernt landet ein Hubschrauber der Luftwaffe Sri Lankas auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Colombo. Er hat Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl aus seinem Hotel im Süden des Landes geholt und in die Hauptstadt gebracht. „Er ist gestrandet und hat um Beistand gebeten“, erklärt der Luftwaffenkommandeur.

Leipzig: Frank Ahlborn aus Lüneburg sitzt in einer LTU-Maschine und wartet auf den Weiterflug. Mit einem Tag Verspätung ist er aus dem Sri-Lanka-Urlaub zurückgekehrt. Am Flughafen in Colombo herrschte Chaos, erzählt der 35-Jährige: „Jeder wollte natürlich nach Hause.“ Bedürftige Passagiere, die zum Beispiel ihr ganzes Gepäck verloren hatten, seien dabei nicht immer bevorzugt worden. Mitarbeiter der deutschen Botschaft hat Ahlborn am Flughafen nicht gesehen. Aber der Volkswirt ist froh, der Katastrophe entkommen zu sein: „Am Schlimmsten trifft es doch die Einheimischen.“

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