Dass sich an diesem Tag die Staatsrepräsentanten aus 60 Ländern zusammengefunden hatte, war im Grunde schon das wichtigste Ereignis des EU-Lateinamerika-Gipfels in LIma. Aufregender war da schon das Scharmützel zwischen Hugo Chávez und Angela Merkel.
LIMA. Sie sitzen weit von einander entfernt - die Kanzlerin und ihr pöbelnder Kritiker aus Venezuela. Bei der Eröffnung des 5. Lateinamerika-Gipfels in Lima hat der Gastgeber, Perus Präsident Alan García, Angela Merkel einen Ehrenplatz eingeräumt. Sie durfte die vielen Reden zur Begrüßung gleich neben ihm selbst und EU-Präsident José Manuel Barroso verfolgen. Schon dies symbolisierte, dass Merkel auf diesem Gipfel so etwas wie die erste unter den gleichen angereisten europäischen Staats- und Regierungschef war.
Und ohne sichtbare Zwischenfälle hatte sich auch Venezuelas Präsident Hugo Chávez in die bunte Gruppe auf der Bühne im modernen Nationalmuseum gesellt, obwohl doch da auch in der ersten Reihe die Frau saß, die er zuvor in die Nähe von Adolf Hitler gerückt hatte. Für seinen Auftritt hatte er einen blauen Anzug gewählt und nicht das rote Hemd des Revolutionärs, das er trug, als er am vergangenen Sonntag Merkel das erste Mal beschimpfte. Zwischen Merkel und Chávez beträgt der Abstand 20 Plätze.
Dass sie an diesem Tag die Staatsrepräsentanten aus 60 Ländern - 33 aus Lateinamerika und 27 aus der EU, zusammengefunden hatte, war im Grunde schon das wichtigste Ereignis dieses Gipfels. Bis kurz vor Beginn hatten die Unterhändler noch an der Abschlusserklärung gefeilt. Aber allzu große Neuigkeiten wurden darin nicht hineingeschrieben. Das Bekenntnis, dass die EU und Lateinamerika ihre Partnerschaft vertiefen, lautete die Überschrift. Allein wegen der Ergebnisse hätte sich die lange Reise nicht gelohnt.
Es ging der Kanzlerin vor allem um das Symbol, dass die Europäer an dem Subkontinent weiter interessiert sind, zumal nach den USA auch die Asiaten ihre Fühler nach Süd- und Mittelamerika ausstrecken. Der Gipfel sei die „Chance, dass sich beide Kontinente näherkommen“, sagte sie noch am Morgen in Lima. Merkel wollte den einen oder anderen Präsidenten auch einmal näher kennenlernen.
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So war schon kurz nach Beginn ein Treffen mit Boliviens Staatschef Evo Morales vereinbart. Das Treffen mit dem ersten Indio-Staatschef des Subkontinents sollte nebenbei auch den daheim erhobenen Vorwurf entkräften, dass sie das neue linkssozialistische Führungspersonal links liegen lässt.
Morales gilt in Europa als Gefolgsmann von Chávez, weil er wie Venezuelas Linkspopulist auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung hinsteuert. Merkel wollte ausloten, ob diese Kategorisierung wirklich zutrifft. Auf eine Begegnung unter vier Augen mit Chávez legte sie indessen keinen gesteigerten Wert. Ausweichen wollte sie dem Raubein aus Caracas aber auch nicht. Sie werde jedem „freundlich Guten Tag sagen“ und machte auch keinen Rückzieher, als sie erfuhr, dass sie ausgerechnet mit Chávez und Morales in einer - freilich nicht öffentlich tagenden - Arbeitsgruppe sitzen sollte.
Sie wollte sich von ihm nicht provozieren lassen. Aber genau darauf hatte es Chávez offensichtlich angelegt. Noch kurz vor Beginn des Gipfels legte er nach der Hitler-Aussage zum dritten Mal nach: Merkel fehle „alles, einschließlich Vernunft“, ließ Chávez wissen. Sie weise ein „merkwürdiges Verhalten auf“, aber in Lima wolle er die Zusammenarbeit mit der Deutschen nicht verweigern, betonte der Venezolaner in Gönnerlaune. Aber Merkel beabsichtigte nicht durch eigenes Zutun, Chávez in Lima eine Bühne zu schaffen.
In ihrer Delegation wurde aber auch die Ansicht geäußert, dass Chávez nur die in Südamerika verbreiteten Ressentiments gegen den „kapitalistischen“ Norden aufnehme und für innenpolitische Ziele verstärke. Dass die Lateinamerikaner in Bezug auf Europa leicht empfindlich sind und sich missverstanden fühlen, hatte sie auch in Brasilien erfahren. Dort reagierten viele Politiker pikiert auf die Bedenken hinsichtlich der Herstellung von Agrartreibstoffen.
Jedenfalls bemühte sich auch Merkel mit zunehmender Dauer ihrer ersten Lateinamerikareise, nicht so sehr die Bedenken herauszukehren. Auf ihrer Reise erfuhr sie aber auch, wie uneins die Lateinamerikaner untereinander sind. Das gilt auch für das Verhältnis zur EU. Das schon seit 1999 angestrebte Assoziierungsabkommen liegt nach dem Gipfel in genauso großer Ferne wie zuvor, weil die verschiedenen Lager in Lateinamerika zu keiner gemeinsamen Position zusammenfinden.

