Vier Fragen an: Ivan Iskrov „Wir brauchen keine schärfere Regulierung“

Um Osteuropa zu verstehen, braucht man eine langfristige Sichtweise. Im Handelsblatt-Interview spricht Ivan Iskrov, Gouverneur der bulgarischen Nationalbank, über Regulierung und die Vorbildfunktion des Westens.

HB: Anleger haben sich aus vielen Ländern Osteuropas zurückgezogen – weil sie kurzfristig einen Zusammenbruch vieler Staaten oder der gesamten Region erwarten. Wie schätzen Sie diese Reaktion ein?

Ivan Iskrov: Um Osteuropa richtig einschätzen zu können, braucht man eine Langfrist-Betrachtung. Nur so kann man unsere Region verstehen. Das ist der einzig richtige Weg, um an die Probleme heranzugehen. Eine kurzfristige Sichtweise bringt dabei überhaupt nichts.

Haben die osteuropäischen Staaten die Lage selbst verschuldet?

Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise und die damit verbundenen Schwierigkeiten sind in einem anderen Teil der Welt entstanden. Persönliche Gier war dabei der entscheidende Antreiber in der internationalen Finanzwelt. So etwas hat es in Osteuropa nicht gegeben, das gilt ganz besonders für Bulgarien. Bei uns hat man vorsichtig und zurückhaltend agiert. Deshalb muss ich eines ganz deutlich sagen: Die Wall Street in New York oder die City in London können heute eindeutig nicht mehr unsere Vorbilder sein.

Im Nordamerika und Westeuropa wird diskutiert, dass die Regulierung des Finanzsystems verschärft werden muss. Müssten Sie da nicht entsprechend auch etwas in Osteuropa unternehmen?

Bei uns ist die Regulierung schon viel weiter als im Westen vorangeschritten. Dabei hat ganz besonders unsere Zusammenarbeit mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds geholfen. Wir sind dadurch sehr gut vorangekommen. Im Unterschied zum Westen können wir unsere Regeln zur Regulierung des Finanzsystems jetzt lockern. Das, was im Westen passiert ist, wäre bei uns zum Teil überhaupt nicht möglich gewesen. Wir stehen also nicht wie Westeuropa vor der Herausforderung, dass wir unsere Regulierung massiv verschärfen müssen. Wir sind in einer völlig anderen, ja besseren Situation, was die Regulierung angeht.

Das klingt nach Verbitterung über die Vorgehensweise des Westens. Fühlen Sie sich von den alten EU-Ländern falsch behandelt oder missverstanden?

Eines vorweg: Bulgarien hat eine geringe Auslandsverschuldung und braucht jetzt keine finanzielle Unterstützung von außen. Wir haben derzeit aber ein ganz anderes Problem: In der EU sollte man häufiger auf die kleineren Staaten aus Osteuropa hören und mehr Rücksichten nehmen. Wir sind alle auf dem gesamten europäischen Kontinent wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Niemand kann es sich erlauben, die Staaten des Ostens einfach zu ignorieren.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%