Visionäre Pläne
Energie-Union in Südamerika

So wie einst die europäischen Länder über die Montanunion, so wollen auch die Staaten Südamerikas über eine gemeinsame Energiepolitik zusammenfinden. Länder der Region wollen kooperieren und gemeinsame Projekte vorantreiben. Doch bislang ist es noch nicht weit her mit der Zusammenarbeit – nicht zuletzt wegen ideologischer Gegensätze.

BUENOS AIRES / SÃO PAULO. Venezuelas Präsident Hugo Chavez richtete eine eindringliche Warnung an die elf Staats- und Regierungschefs, die zum ersten Südamerikanischen Energiegipfel auf die Karibikinsel Margarita gereist waren: „Wir befinden uns am Anfang einer weltweiten Energiekrise“, sagte Chavez, dessen Land achtgrößter Ölexporteur der Welt ist. „Wir in Lateinamerika haben die Chance, diese Krise zu verhindern – wenn wir gemeinsam für unseren Kontinent kämpfen.“

Chavez hat eine Vision: So wie einst die europäischen Länder über die Montanunion, so sollen auch die Staaten Südamerikas über eine gemeinsame Energiepolitik zusammenfinden. Der Gipfel am Montag und Dienstag, zu dem mit Ausnahme von Uruguay alle Präsidenten Südamerikas anreisten, sollte Möglichkeiten für eine engere Kooperation bei der Versorgung mit Öl, Gas, Strom oder bei der Entwicklung von Biotreibstoffen und alternativen Energien ausloten. „Die Energie-Kooperation kann die traditionellen Handelsstrukturen durchbrechen, die nur den Oligarchien und dem Imperium dienen”, heißt es hoffnungsvoll in den Statuten des Gipfels, der stark von den Interessen des linkspopulistischen Präsidenten Venezuelas geprägt war.

Um die Vision mit Leben zu füllen, unterzeichneten Brasilien und Venezuela Abkommen zum Bau einer gigantischen Petrochemieanlage, die der brasilianische Chemiekonzern Braskem gemeinsam mit dem venezolanischen Staatsunternehmen Pequiven ab 2009 an der Karibikküste Venezuelas errichten will. Die Investitionssumme von drei Mrd. Dollar wollen sich die beiden Konzerne größtenteils bei multilateralen Banken besorgen. „So verringern wir das Investitionsrisiko für die Konzerne“, sagte Braskem-Chef José Carlos Grubisich. Die Produktion soll größtenteils in die USA exportiert werden. Auch Argentiniens Planungsminister Julio de Vido stellte ein konkretes Energieprojekt vor: Ab Juni sollen sich Unternehmen für den Bau eines Verteilungsnetzes für bolivianisches Gas im Norden Argentiniens bewerben können. „Wir setzen die Energieintegration mit konkreten Projekten um“, sagte de Vido.

Abgesehen von den geplanten Projekten ist es bislang allerdings noch nicht weit her mit der Energiezusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg – nicht zuletzt wegen ideologischer Gegensätze. Das einzige echte Vorzeigeprojekt ist ein in den 1990er-Jahren gebauter Pipelinering, über den Bolivien – der größte Gasexporteur Südamerikas – Brasilien und Argentinien versorgt. Argentinien, das selbst gerade noch genug Gasreserven für den eigenen Bedarf hat, leitet einen Teil davon weiter nach Chile.

Doch dieses Handelsnetz, das theoretisch allen Beteiligten Nutzen bringen könnte, ist aus politischen Gründen von ständigen Ausfällen und Engpässen geplagt. So kündigte Bolivien vergangenes Jahr einseitig alle Verträge auf, die Regierung will brasilianische Raffinerien im Land verstaatlichen und verlangt zudem mehr Geld für Gaslieferungen. Darüber hinaus wehrt sie sich dagegen, dass ein Teil des bolivianischen Gases dem Erzfeind Chile zugute kommt.

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