Visite: Athen und Ankara nähern sich an

Visite
Athen und Ankara nähern sich an

Griechenlands Regierungschef Kostas Karamanlis wird heute zu einem zweitägigen Besuch in Ankara erwartet. Es ist die erste offizielle Visite eines griechischen Premiers seit fast einem halben Jahrhundert. Diplomaten beider Länder sprechen deshalb von einem „historischen“ Treffen.

ATHEN. Die Beziehungen der beiden „Erbfeinde“ haben sich zwar in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die bilateralen Streitfragen sind aber weiter ungelöst. Auch von dem Karamanlis-Besuch ist kein Durchbruch zu erwarten. Griechische und türkische Unternehmer hoffen aber auf weitere Impulse für den bereits recht engen Wirtschaftsaustausch beider Länder.

Karamanlis wandelt bei seiner Türkeireise auf den Spuren seines Onkels Konstantin Karamanlis, der – damals ebenfalls Premier – im Mai 1959 nach Ankara flog. Damals herrschte Euphorie im griechisch-türkischen Verhältnis: Die Unabhängigkeit Zyperns war gerade besiegelt, die zwischen Athen, Ankara und London ausgehandelte Verfassung der Inselrepublik schien ein friedliches Zusammenleben von Griechen und Türken auf Zypern zu garantieren. „Zwischen uns gibt es künftig nichts Trennendes, keine Ansprüche, die unsere Beziehungen erschüttern könnten“, freute sich Karamanlis damals – eine Illusion, wie schon 1963 die erste Zypernkrise zeigte, die 1974 zur Inselteilung führte.

Die Zypernfrage ist ebenso ungelöst wie die bilateralen Streitfragen. Immerhin haben sich die chronischen Spannungen deutlich entschärft, seit 1999 die damaligen Außenminister Giorgos Papandreou und Ismail Cem die Weichen auf Annäherung stellten. Mittlerweile haben beide Länder über ein Dutzend bilaterale Kooperationsabkommen geschlossen. Davon profitiert vor allem die Wirtschaft. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern überstieg 2007 gut zwei Mrd. Euro und hat sich damit seit 2000 mehr als verdreifacht. Griechische Unternehmer haben inzwischen in der Türkei rund fünf Mrd. Euro investiert. Die bisher größte Einzelinvestition war die Übernahme der türkischen Finansbank durch die National Bank of Greece 2006. Ein Highlight der verbesserten Beziehungen ist auch die im November 2007 am Grenzfluss Evros (türkisch: Meric) eingeweihte Erdgaspipeline, die von der Türkei nach Nordgriechenland führt.

Karamanlis und der türkische Premier Tayyip Erdogan haben sich bereits mehrfach privat getroffen, ihr persönliches Verhältnis gilt als gut. Dennoch sieht man in Athen dieser ersten offiziellen Visite seit fast 50 Jahren mit Nervosität entgegen. Man erinnert sich mit Schrecken an den Türkei-Besuch des griechischen Außenministers Petros Molyviatis im April 2005: Während der Athener Chefdiplomat in Ankara war, düpierte ihn die türkische Marine mit einem inszenierten Zwischenfall in der Ostägäis, und türkische Kampfjets flogen demonstrativ über die griechische Insel Andros, keine 100 Kilometer Luftlinie vor Athen. Bei der Vorbereitung der 48-stündigen Karamanlis-Visite kalkulieren die griechischen Diplomaten deshalb ausdrücklich die Möglichkeit einer vorzeitigen Abreise ein.

Allerdings muss auch Erdogan an guten Beziehungen zu Athen interessiert sein, denn Griechenland gehört zu den engagiertesten Befürworten der türkischen EU-Kandidatur – in der Hoffnung auf gutnachbarliche Beziehungen mit Ankara.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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