"Visiun" in den Alpen
Rätoromanen betreiben eines der kühnsten Bauprojekte

Berther Pancrazi ist ein bescheidener Mann. Der Schreiner steht der Gemeinde Tujetsch vor. Sie liegt im rätoromanischen Teil der Schweiz – jenem Landstrich in den Hochalpen, in dem rund ein Prozent der Eidgenossen ihre Heimat haben. Vor einer Woche leitete Pancrazi wieder eine Gemeindeversammlung. Sie könnte in die Geschichtsbücher eingehen.

SEDRUN. Die Würdenträger stimmten einem Kredit von umgerechnet zwei Mill. Euro zu, das ist knapp die Hälfte der jährlichen Einkommensteuereinnahmen von Tujetsch. Das Geld soll gemeinsam mit einer mehr als zweieinhalb mal so hohen Summe, die die Bundesregierung in Bern ebenfalls bewilligt hat, in ein kühnes Projekt gesteckt werden: die Porta Alpina. Das Tor zu den Alpen – so die „Visiun“, wie es in der Sprache Pancrazis heißt – soll die abgeschiedene Region in die Welt zurückholen.

Unterhalb des Gotthardmassivs wird derzeit gerade der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt gegraben. Er soll in zehn Jahren fertig sein. Die Fahrtzeit von Stuttgart nach Mailand verkürzt sich dann um mehr als eine Stunde. Damit der Bau schneller geht, graben sich die Schweizer nicht nur von zwei Seiten durch den Berg und treffen sich in der Mitte, sondern sie haben etwa auf halber Strecke einen „Zwischenangriff“ gebaut: einen 800 Meter tiefen Schacht, der vom rätoromanischen Sedrun, das zu Pancrazis Gemeinde Tujetsch gehört, ins Massiv des Gotthards gebohrt wurde und von dessen unterem Ende an ebenfalls gebuddelt wird. Dieser Schacht ist Ausgangspunkt der „Visiun“ des Bergvolks: Sie stellen sich vor, dass er mit einem pfeilschnellen Fahrstuhl ausgerüstet wird. Dass unten ein Bahnhof entsteht, an dem der stündlich verkehrende Zug nach Zürich oder Mailand halten wird. Dass die rätoromanische Schweiz auf diese Weise einen noch nie dagewesenen touristischen Auftrieb erlebt. Dass die Jugend keinen Grund mehr hat, den Bergdörfern „Lebwohl“ zu sagen. Und dass es möglich wird, zur Arbeit nach Zürich zu pendeln.

Pancrazi und seine Eidgenossen haben diese „Visiun“ mit solchem Feuereifer bei der Regierung in Bern vorgetragen, dass von dort jetzt grünes Licht für die Voruntersuchungen gekommen ist. Die gesamten Baukosten schätzt man in Bern auf knapp 35 Mill. Euro. Die Begeisterung hat die Bundespolitiker erfasst. Verkehrsminister Moritz Leuenberger spricht von einem „kühnen Projekt in den dunklen Zeiten des dumpfen Sparens“.

Pancrazi ist da von Natur aus bescheidener. Er gibt zu bedenken, dass jede Dorfumfahrung mehr koste. Der Stolz des Schreiners wird bei der Gemeindeversammlung nur in einem Satz hörbar: Das Bauwerk werde niemand kopieren können, sagt er. „Nicht mal die Österreicher.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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