Vojislav Seselj
Uno-Tribunal spricht serbischen Nationalisten frei

Hat Vojislav Seselj im Bürgerkrieg auf dem Balkan Schuld auf sich geladen? Das Uno-Kriegsverbrechertribunal zum früheren Jugoslawien hat den serbischen Nationalisten freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen.

Den HaagSchockstarre, böse Kritik und ungläubiges Kopfschütteln in Kroatien und Bosnien - ungeahnter Jubel im rechtsextremen Lager Serbiens. Der völlig unerwartete Freispruch des Uno-Kriegsverbrechertribunals für den serbischen Nationalisten Vojislav Seselj hat die Balkanhalbinsel erschüttert. Die Folgen dieser Sensation sind kaum überschaubar: Für die ohnehin angespannten Beziehungen in der Region und für das politische System Serbiens.

Nach diesem „erschreckenden und schockierenden Urteil“ sollte man „das Gericht sofort schließen“, verlangte die einflussreiche kroatische Zeitung „Jutarnji list“. Die „eingesparten Millionen sollte man für die Exhumierung der Massengräber verwenden“, so der bittere Vorschlag: „Adieu Recht! Adieu Verstand!“. Kroatiens Regierungschef Tihomir Oreskovic verurteilte die Entscheidung als „Schande, eine Niederlage für das Haager Gericht“.

Der Freispruch katapultiert den Chefideologen des Projekts Großserbien, das in den Kriegen der 90er Jahren weit über 120.000 Tote, Hundertausende Verletzte und Millionen Vertriebene verursacht hatte, in politisch lichte Höhen. Von allen in Den Haag angeklagten Serben kann nur der 61-Jährige selbst ernannte Führer der faschistischen Tschetnik-Bewegung von sich behaupten, „das Uno-Tribunal zerrieben“ zu haben.

Damit trifft er bei seinen Landsleuten genau den Ton. Die sehen ihre patriotischen Gefühle seit Jahrzehnten in der Region und in der Welt mit Füßen getreten. Der Stehsatz in weiten Teilen der Bevölkerung lautet: Die herzlosen Großmächte haben das kleine Serbien gedemütigt. Die hehren Absichten Serbiens, das christliche Europa vor den „muslimischen Terroristen“ zu schützen, sei von den Bürgerkriegen bis heute überhaupt nicht gewürdigt worden. Dieses wirre Weltbild wiederholt auch der gerade zu 40 Jahren Haft verurteilte bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gebetsmühlenartig.

Und jetzt kommt Seselj! Der habe es mal wieder allen gezeigt, lautet der Tenor der ersten Reaktionen. David gegen Goliath! Die gerechte serbische Sache gegen die übermächtige ungerechte Welt! Am Ende setze sich doch das Gute durch! Dieses Motiv zieht sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte Serbiens. Durch seine Literatur und seine Mythen ebenso. In diesem Sinne wird auch Novak Djokovic als Nummer eins der Tenniswelt hymnisch gefeiert. Jetzt also ein grandioser Sieg auch in der Politik!

Der Freispruch dürfte Seselj und seiner Radikalen Partei (SRS) ein Traumergebnis bei der Parlamentswahl in drei Wochen bescheren. Auch wenn die von ihrem charismatischen Führer prognostizierten 25 Prozent der Stimmen illusorisch sind: Die bislang nicht mehr im Parlament vertretene SRS wird nach allen Meinungsumfragen aus dem Stand zur drittstärksten politischen Kraft aufsteigen.

Das bringt jede Menge Konfliktpotenzial. Denn seine beiden politischen Schüler sind heute seine Hauptgegner: „Aufstand“ gegen Staatspräsident Tomislav Nikolic und Regierungschef Aleksandar Vucic, lautet der Wahlkampfslogan der SRS.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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