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08.05.2008 
60 Jahre Israel

Vom Orangen-Exporteur zum Hightech-Land

von Pierre Heumann

Ein halbes Dutzend Kriege in sechs Jahrzehnten, erdrückende Verteidigungsausgaben, die Aufnahme hunderttausender Einwanderer – all das hat die israelische Wirtschaft nicht aufhalten können. Besonders die Innovationskraft der Menschen ist ungebrochen – das lockt Kapital aus dem Ausland an.

Israel feiert den 60. Jahrestag der Staatsgründung. Foto: apLupe

Israel feiert den 60. Jahrestag der Staatsgründung. Foto: ap

TEL AVIV. Trotz enormer Belastungen ist der Erfolg der israelischen Wirtschaft beachtlich. In einigen Branchen zählt der Kleinstaat gar zur Weltspitze. Tel Aviv hat eine führende Diamantenbörse, israelische Rüstungsfirmen gehören zu den größten Waffen-Exporteuren, und der Generika-Hersteller Teva ist weltweit die Nummer Eins der Branche.

Doch die erstaunlichsten Erfolgsgeschichten in der 60-jährigen Wirtschaftsgeschichte schreibt die Hightech-Industrie. Kein Land außer Kanada und den USA ist an der Nasdaq mit mehr Firmen vertreten als die Sieben-Millionen-Nation. Etwa ein Zehntel des Sozialprodukts wird mit Hochtechnologie erarbeitet, schätzt Yaakov Scheinin, Ökonom beim Think Tank „Wirtschafts-Modelle“. Längst hat sich Israel von einer sozialistisch ausgerichteten Agrargesellschaft mit puritanischer Arbeitsmoral zum konsumorientierten Hightech-Staat gewandelt.


Tabelle  Infografik: Isreal präsentiert sich als moderne Forschungsnation


Einst berühmt für Orangen und landwirtschaftliche Kibbuzim, ist es zu einem der führenden Zentren für Informationstechnologie, Kommunikation und Medizin aufgestiegen. Spitzentechnologiefirmen von internationalem Rang schnappen sich zwischen Tel Aviv und Haifa Ingenieure, Techniker und Softwarespezialisten. IBM verstärkt seine Forschungsaktivitäten in Israel und gründet sein drittes Institut. Microsoft hat in Israel Windows-Betriebssysteme entwickelt, Intel die Mikroprozessoren Pentium 4 und Centrum. Wichtige Technologien von Motorola tragen das Label „Made in Israel“. Und SAP forscht hier.

Die Unternehmer des Landes verstehen es immer wieder, aus der Not eine Tugend zu machen. Die Wasserknappheit inspiriert sie zum Beispiel zu Innovationen bei Entsalzungs- und Bewässerungsanlagen. In dem Bereich ist Israel heute führend.


Tabelle  Infografik: Israels Investitionen in die Zukunft


Um das Land in der feindlich gesinnten Nachbarschaft verteidigen zu können, achtet die Rüstungsindustrie stets auf einen qualitativen Vorsprung gegenüber dem Gegner und strebt einen möglichst hohen Grad an Selbstständigkeit an. Einen entscheidenden Faktor für die Hightech-Erfolge spielt denn auch die Armee. In der Computerabteilung der Israel Defense Forces erhalten unzählige Soldaten das Rüstzeug für eine spätere Hightech-Karriere in der Privatwirtschaft.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Israels ehrgeizige Pläne

Unternehmen wie Elbit oder Rafel, die ursprünglich reine Rüstungsfirmen waren, produzieren nun auch für den zivilen Bereich. Die Kombination von Unternehmergeist und Spezialwissen lockt ausländische Investoren an. Seit acht Jahren hat Israel mehrere Milliarden Dollar an Wagniskapital aufgebracht, die vor allem in Bio- und Kommunikationstechnologie geflossen sind.

Zum 60. Geburtstag kann Israel denn auch mit stolzen Wirtschaftszahlen aufwarten. Die beiden jüngsten politischen Schocks – der Rückzug aus dem Gazastreifen und der Zweite Libanonkrieg – haben den Wachstumstrend nicht beeinflusst (siehe Grafik). Die Landeswährung hat trotz Interventionen der Notenbank gegenüber dem Dollar weiter zugelegt. Die Zinsen sind tief, und das Land hat einen Zahlungsbilanzüberschuss.

Doch in zwanzig Jahren müsse die Wirtschaft noch besser dastehen – davon zumindest träumen führende Wirtschaftsexperten wie der Vorsitzende von Teva, Eli Hurvitz, und David Brodet, ehemaliger Generaldirektor des Finanzministeriums. Der von ihnen entworfene Plan „Israel 2028“ soll das Land zum 80. Geburtstag unter die 15 reichsten Länder der Welt katapultieren. Das Pro-Kopf-Einkommen solle dann bei rund 50 000 Dollar liegen – doppelt so hoch wie heute.

Der ehrgeizige Plan sei notwendig, sagt Brodet. Denn hinter der glitzernden Hightech-Kulisse versteckten sich noch all zu viele traditionelle Firmen und Produktionsmethoden. In Israel ist eine duale Wirtschaft entstanden. Die neue Armut nimmt zu und enthält sozialen Sprengstoff. Der in der globalisierten Welt höchst erfolgreichen High-Tech-Ökonomie steht ein in traditionellen Techniken verhafteter Sektor gegenüber, der mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze stellt. Dort stagnieren die Löhne.

Die durchschnittliche Industrieproduktivität in der Chemie-, Nahrungsmittel, Textil- oder Maschinenindustrie ist nur halb so groß wie in den USA. Israels Ausgaben für Forschung und Entwicklung fließen hauptsächlich in den Hightech-Bereich. Innovative Prozesse in anderen Sektoren kommen deshalb zu kurz. Israel habe zwar die technologische Revolution für einen Wachstumsschub genützt. „Aber“, räumt Brodet ein, „es ist uns nicht gelungen, die Veränderungen auf die breiten Schichten anzuwenden“.

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