Von der Gesellschaft verstoßen
Chinas vergessene Kinder

Gut eine Million Kinder wächst in China ohne Eltern auf, weil Mutter und Vater im Gefängnis sitzen, zum Tode verurteilt oder bereits hingerichtet sind. Niemand fühlt sich für sie verantwortlich, denn im Reich der Mitte gilt Maos Prinzip der Sippenhaft noch immer. Kinder von Kriminellen werden einfach ausgestoßen. Eine Handelsblatt-Reportage.

PEKING. Bloß nicht weinen, bloß keine Tränen. Schnell schaut Xu Zhi noch einmal in den Spiegel, bevor sie anfängt zu erzählen. „Meine Mutter ist verschwunden, mein Vater aus dem Knast abgehauen“, sagt die 12-Jährige dann. „Papa wurde aber wieder geschnappt und muss nun noch fünf Jahre länger im Gefängnis bleiben.“ Das Mädchen schluckt.

Xu Zhi stammt aus der fruchtbaren Provinz Sichuan, der „Reisschale Chinas“. Ihre schwarzen Haare hat das Mädchen zu frechen Zöpfen gebunden. Doch wenn sie ihre Geschichte erzählt, verlieren ihre Augen jede Fröhlichkeit. Schon nach ein paar Sätzen fängt das rechte Knie an zu zittern. Nur ganz leicht, aber unentwegt. Zu stark ist die Anspannung, zu stark sind die Erinnerungen. Bloß nicht weinen.

Über Monate ist der Vater mit Xu Zhi und ihrem damals zwei Monate alten Bruder Dongdong durch China geirrt. Immer auf der Flucht, gesucht per Haftbefehl. Als der Vater im Oktober 2004 auf dem Bahnhof in Fuzhou von der Polizei geschnappt wurde, war der Spuk vorbei. Zunächst kümmerte sich das Eisenbahnamt um die Geschwister. Doch alle Versuche, die Mutter oder Angehörige zu finden, schlugen fehl.

Dann erinnerte sich eine Polizistin an den Namen Zhang Shuqin, eine 58-jährige Ex-Kollegin, die sich seit Jahren in der Volksrepublik um die Kinder von Kriminellen kümmert. Ein Anruf, ein Termin. Seit zwei Jahren wohnen die Kinder nun in „Sun Village“, einem Kinderdorf im Norden von Peking – Zukunft ungewiss. Die Gesellschaft hat sie verstoßen, die Schuldlosen. Sie gehören zu Chinas vergessenen Kindern.

„Es war vor zwei Jahren, am 4. November, und ein sehr kalter Morgen“, weiß Frau Zhang noch genau. „Da habe ich Xu Zhi und Dongdong um vier Uhr morgens am Bahnhof Fuzhou übernommen.“ Frau Zhang hat „Sun Village“ vor sechs Jahren gegründet. Rund 120 Jungen und Mädchen leben hier in bunten Hütten. Die Einrichtung ist einfach, die Regeln sind streng. Jedes Kind hat ein Metallbett und ein Fach im Schrank. Mehr nicht.

Doch für die Söhne und Töchter der Kriminellen ist „Sun Village“ immerhin eine Hoffnung, hier können sie bleiben. Gut eine Million Kinder wächst in China ohne Eltern auf, weil Mutter und Vater im Gefängnis sitzen, zum Tode verurteilt oder bereits hingerichtet sind. „Der Staat ignoriert diese Kinder einfach“, sagt Ex-Polizistin Zhang. „Kein Gesetz schützt sie, niemand fühlt sich für sie verantwortlich.“ Die meisten landen auf der Straße.

Chinas Gesetze sind knallhart. Doch die Alltagsregeln oft noch gnadenloser. „Die Kinder von Verbrechern werden von unserer Gesellschaft verstoßen“, sagt Heimleiterin Zhang. Sie sitzt in ihrem mit gebrauchten Möbeln und Computern voll gestopften Büro und schüttelt den dunklen Lockenkopf. „Der Hass auf die Verbrecher wird einfach auf die unschuldigen Kinder übertragen.“

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