Von uneingeschränkter Solidarität zur harschen Kritik
Europäer lehnen Bush ab – nicht Amerika

Da ist er wieder, der alte Reflex. „Da kann man diskutieren und verhandeln, am Ende macht es der Ami doch allein.“ So spricht kein friedensbewegter Schüler, kein 68er, sondern ein Siegener Stahlunternehmer. Als Mitglied der Nachkriegsgeneration hat er seit der Besatzungszeit Kontakt mit Amerikanern, doch die jüngsten Erfahrungen frustrieren ihn – egal, ob es um US-Strafzölle auf deutschen Stahl oder den Irak geht.

DÜSSELDORF. Das europäische Amerika-Bild und das deutsche im Besonderen hat in den zwei Jahren seit dem Terrorschock vom 11. September eine Berg-und-Talfahrt erlebt. Die vom Bundeskanzler ausgesprochene „uneingeschränkte Solidarität“ war keine leere Floskel, sondern wurde von Politik, Unternehmern und Bevölkerung getragen. Doch heute, nach Afghanistan, dem deutschen Wahlkampf und dem Irakkrieg, wird US-Präsident George W. Bush und Amerikas Außenpolitik in Deutschland und großen Teilen Europas abgelehnt. Ist das Anti-Amerikanismus?

Die Transatlantiker in Politik und Wissenschaft halten dagegen. Die Abkühlung spiegele eine „normale strukturelle Veränderung der Beziehungen wider“, argumentiert Jens van Scherpenberg von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP). Die Interessen passten bereits seit Anfang der 90er-Jahre nicht mehr zusammen, der „unilaterale Hegemonismus“ der USA wurde zum Streitpunkt. Auch sieht Yves Boyer von der Fondation pour la Recherche Stratégique in Paris noch lange keinen Anti-Amerikanismus wie während des Vietnam- Kriegs. Doch klafften „die Werte bei vielen Problemen der Gesellschaft immer weiter auseinander“. Auch jenseits des Iraks gingen die USA ihren eigenen Weg – auf diese „amerikanische Frage“ habe Europa noch keine Antwort gefunden.

Ganz so leicht will Klaus Schwabe, Historiker in Aachen, das Wort vom Anti-Amerikanismus nicht abtun, er weist auf zwei Spielarten hin: Die harte politische Form einer Kampagne, die ein Feindbild aufbaut und einem konkreten Ziel dient. Andererseits eine diffuse öffentliche Stimmung, aus dem Bauch heraus und wenig informiert. Beides ist von sachlicher Kritik mitunter schwer zu unterscheiden, von beidem sind Anklänge in der aktuellen Debatte zu finden. In Deutschland leitete Gerhard Schröder selbst den Stimmungsschwenk ein. Zwar verwahrte er sich gegen eindeutig anti-amerikanische Töne aus der SPD, wollte von uneingeschränkter Solidarität aber nichts mehr wissen und schloss jede Beteiligung an Militäraktionen in Irak aus – selbst unter Uno-Mandat.

Auch bei den Bürgern wurde die Kritik immer lauter. Oberflächlich richteten sich die Proteste unter dem Motto „Kein Blut für Öl“ gegen das US-Gesellschaftssystem insgesamt. Doch legen Umfragen, wie sie jetzt der German Marshall Fund (GMF) veröffentlichte, ein differenzierteres Bild nahe: Die Regierung Bush und Amerikas Hegemonie würden moniert, ohne die Partnerschaft in Frage zu stellen. So stimmen derzeit nur noch 16 Prozent der Deutschen der Außenpolitik Bushs zu, 2002 waren es 36 Prozent. Ähnlich hart urteilen die Franzosen. Selbst in Großbritannien liegt die Zustimmung bei nur 35 Prozent, in Polen dagegen bei 58 Prozent. Gar nur ein Zehntel der Europäer wäre damit einverstanden, dass die USA die einzige Supermacht der Welt blieben. Ein Unilateralismus der USA wird beiderseits des Atlantiks abgelehnt: Drei Viertel der Europäer und zwei Drittel der Amerikaner glauben, eine US-Hegemonie könnte zu einer Bedrohung werden.

Weniger dramatisch fallen die Umfragewerte aus, wenn es um die Bewertung Amerikas insgesamt geht. Auf der Sympathieskala von 0 bis 100 fielen die USA im vergangenen Jahr in Deutschland nur um 7 auf 56 Punkte. In Großbritannien, Italien und Polen wird mit 61 Punkten der europäische Spitzenwert erreicht.

Wie ambivalent das Phänomen Anti-Amerikanismus ist, zeigen die Bestsellerlisten. Seit Monaten führt die böse Bush-Abrechnung „Stupid White Men“ die Spiegel-Liste an. Das Buch bediene, so SWP-Mann Scherpenberg, anti-amerikanische Sentiments auf „primitivste Art und Weise“. Doch ist der Buchautor Mike Moore US-Bürger. Und ausgerechnet Howard Dean, der schärfste Kritiker von Bushs Irak-Politik, erweist sich als Shootingstar der US-Demokraten. Auch ein Anti-Amerikaner? Mitarbeit: Regina Krieger

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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