Vor dem Besuch in Athen
„Herr Schäuble, bringen Sie das Gestohlene zurück!“

Gestern stimmten die Griechen über das Sparpaket ab, heute kommt Schäuble zu Besuch. Doch die Stimmung in Athen ist eisig, die Medien schießen sich auf den Gast ein. Denn er gilt als treibende Kraft des Spardiktats.
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AthenCountdown in Athen: Stunden vor der Schicksalsabstimmung über das neue Sparpaket versuchten die Strategen der konservativ-sozialistischen Regierungskoalition, wankelmütige Abgeordnete auf Linie zu bringen. Für Ministerpräsident Antonis Samaras und seinen Vize Evangelos Venizelos geht es bei dem Parlamentsvotum, das am Mittwochabend um kurz vor Mitternacht stattfinden sollte, um alles: Fällt das Sparpaket durch, wäre das Schicksal der erst vor drei Wochen gebildeten Koalition besiegelt.

Das von Streiks und Protesten begleitete innenpolitische Tauziehen überschattet auch den für Donnerstag geplanten Kurzbesuch von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Er kommt zum ersten Mal seit Beginn der Krise nach Athen, will dort seinen Amtskollegen Giannis Stournaras und Premier Samaras treffen. Zu sagen, der deutsche Finanzminister sei in der griechischen Bevölkerung unbeliebt, wäre eine Untertreibung. Schäuble ist vielen Griechen geradezu verhasst. Neben Kanzlerin Merkel sehen sie in ihm eine treibende Kraft des „Spardiktats“, das Griechenland immer tiefer in die Rezession treibt und immer mehr Menschen um ihre Arbeit bringt. Die griechischen Medien schießen sich seit Tagen auf den Gast ein.

„Schäuble kommt, die Angestellten müssen gehen“ titelte die Zeitung „Eleftherotypia“, eine Anspielung auf die Massenentlassungen im öffentlichen Dienst, die Griechenland jetzt auf Druck der Troika beschließen und umsetzen muss. Das Ultimatum der Euro-Finanzminister steht: Bis zum Freitag dieser Woche muss das Parlament die Stellenstreichungen billigen, sonst gibt es keine Hilfskredite mehr. Dass Schäuble ausgerechnet einen Tag vor Ablauf der Frist nach Athen kommt, steigert nur noch die Wut der Gewerkschaften und der Opposition. Sie wollen den deutschen Minister am Donnerstag mit Massenprotesten empfangen.

Schäuble sei „der Hauptverfechter einer Politik, die uns zur Verarmung verdammt“, heißt es in dem Aufruf der Gewerkschaften. Schäuble komme wohl nach Athen „in der Erwartung eines angenehmen Spaziergangs – es liegt an uns, ihn zu widerlegen“, schreibt Nikos Chatzinikolaou, Herausgeber der Zeitung „Real News“, in einem Leitartikel. Spaziergang – ist das in Anbetracht der Behinderung des Gastes nur eine sprachliche Entgleisung oder eine gezielte Gehässigkeit? Griechische Medien gehen seit jeher nicht zimperlich mit Schäuble um. Sie publizieren mit Vorliebe unvorteilhafte Bilder des Ministers und stecken ihn per Fotomontage gern in eine Nazi-Uniform.

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„Herr Schäuble, bringen Sie das Gestohlene zurück!“

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Ein eisiger Wind schlägt Schäuble entgegen

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„Sie kommen als Herrscher“

Kommentare zu " Vor dem Besuch in Athen: „Herr Schäuble, bringen Sie das Gestohlene zurück!“"

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  • Die Stimmungsmache in Athen ist schon bestürzend, aber eher eine ausweis für Ablenkung.
    Denn die Eliten des Landes haben es ausgeplündert und wir Deutschen müssen mal wieder als Sündenbock herhalten.
    Der Mechanismus ist auch bei uns nicht fremd. die Reichenschelte und Neiddebatten erfüllen bei uns im Prinzip den gleichen Zweck.
    Opfer brauchen Schuldige und die Schuldigen sind bemüht Andere dafür zu finden, am besten welche, die der Vorurteilsstruktur der Betroffenen entsprechen.
    Aber selbst wenn die Reparationszahlungen legitim wären, so würden sie das griechische Problem nicht lösen, sondern nur vertagen. Denn die unhaltbaren Zustände im öffentlichen dienst würde das trotzdem nicht ändern.
    Irgendwie ähnelt das trotzdem an Deutschland, nur abgemildert. Denn die Linken scherte es noch nie, wie Geld verdient wird, sie wollen nur welches von Anderen um es nach ihren Vorstellungen zu verteilen.
    Ich kann nachvollziehen, wie es zu solchen Haltungen gekommen ist. Doch die Geschichte der Bundesrepublik beweist, das die diese linke Ideologie ein prinzipieller Irrweg ist. Einseitiger Reichtum und Ausbeutung ist nicht mit einfacher Umverteilung zu beheben,im Gegenteil und paradoxerweise fördert sogar dies die Ungleichgewichte. Griechenland ist sogar ein sehr gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man diese Politik durchgängig verfolgt.
    Ungleiche Verteilung ist eine Frage der Gesellschaftsstrukturen und eines verengten Leistungsbegriffs, den erstaunlicherweise die Umverteilungsideologie mit der neoliberalen Ideologie teilt. Beide Ideologien sind einseitig materialistisch, sie sehen nicht den Menschen, sind nicht mal wirklich sozial. Das deshalb weil sie alle Probleme auf den Neid und das Geld reduzieren und damit zu lösen versuchen.
    Deshalb sitzen in Griechenland wie bei uns Linke und Kommunisten letztlich mit den knallharten Kapitalisten in einem Boot. sie brauchen sich gegenseitig um auf Kosten aller anderen ihre Privilegien zu verteidigen.

    H.

  • @GordonTrader,

    "Die Griechen waren 2009 das OECD-Land mit den meisten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen!!"

    So, so...

    Sie sollten als Kabarettist auftreten!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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