Vor dem G20-Treffen
Finanzmärkte: Kehrtwende in London

Der Chef der britischen Finanzaufsicht gibt die laxen Regeln auf und will die Finanzmärkte künftig streng überwachen. Für die Briten bedeutet das eine Abkehr von alten Glaubenssätzen.

LONDON. Die britische Finanzaufsicht FSA streift endgültig ihre Samthandschuhe ab. Adair Turner, der Chairman der Regulierungsbehörde, kündigte gestern deutlich härtere Auflagen für Banken, Hedge-Fonds und andere große Spieler an den Finanzmärkten an. Gleichzeitig forderte Turner eine deutlich engere internationale Kooperation zur Verhinderung neuer Finanzkrisen.

Für London markiert der Bericht eine radikale Kehrtwende. Die Briten hatten bis zum Ausbruch der Finanzkrise internationale Geldinstitute mit laxen Regeln angelockt und so dafür gesorgt, dass London dem Finanzplatz New York Marktanteile abnahm. Den bisherigen liberalen Ansatz bezeichnete Behördenchef Turner jetzt als Fehler. Die sogenannte "Light Touch"-Regulierung gehöre in den "Mülleimer der Geschichte".

Turner machte klar, dass sich die Banken jetzt auf niedrigere Renditen einstellen müssen. "Die Bankenwelt sollte in Zukunft weniger gewinnträchtig, aber auch weniger riskant sein", sagte er. Experten haben keinen Zweifel daran, dass es den Aufsehern ernst ist. "Die Vorschläge markieren einen tiefen Einschnitt", warnt Bill Wellbelove von der Prüfungsgesellschaft KPMG. Ganze Geschäftsbereiche könnten sich nach Einführung der neuen Regeln nicht mehr rechnen. Vor allem das Investment-Banking werde nie wieder so profitabel sein wie während des Booms.

Angesichts der Finanzkrise stehen weltweit viele Aufsichtsbehörden in der Kritik, sie hätten die Banken zu lasch kontrolliert. Die internationale Politik will auf ihrem G20-Gipfel im April in London deshalb die Grundzüge einer neuen internationalen Finanzarchitektur beschließen. Turners Bericht ist eine von mehreren Untersuchungen, die Regulierungsbehörden bis zu Beginn des G-20-Treffens vorlegen wollen, und er deckt sich in vielen Punkten mit den Vorschlägen, die die EU entwickelt hat. "Turners Vorschläge sind umfassend und vernünftig, aber sie werden die Banken Geld kosten und die Rentabilität belasten", warnt ein Londoner Fondsmanager. Deshalb müssten solche Regeln international gelten, sonst drohe dem Finanzplatz London ein Exodus.

Konkret schlägt Turner vor, dass die Banken in Zukunft mit einer deutlich höheren Eigenkapitalbasis operieren und in guten Zeiten einen zusätzlichen Puffer anlegen müssen. Diese "zyklische Reserve", soll verhindern, dass es im Boom zu einer Kreditschwemme kommt, die in der Krise in eine Kreditklemme umschlägt. Außerdem sollen die Banken für ihre Positionen im Wertpapierhandel künftig rund drei Mal mehr Eigenkapital vorhalten als bisher. Die FSA will aktiv überprüfen, wie Banken ihre Vermögensposten bewerten, sobald sie bei Stichproben größere Differenzen feststellt. Auch setzt sich Turner für eine Verschuldungsgrenze für Banken ein.

Der Turner-Report setzt sich zudem für eine schärfere Kontrolle des sogenannten Schattenbankensystems ein. Hedge-Fonds sollten ab einer kritischen Größe ähnliche Kapital- und Liquiditätsreserven vorweisen wie vergleichbare Banken. Der FSA-Chairman machte klar, dass sich seine Behörde künftig viel direkter in die Geschäfte der Banken einmischen wird. Außerdem werde die FSA härtere Eignungstests für Bank-Manager einführen und in der gesamten Branche anreizgerechte Bonussysteme durchsetzen.

Darüber hinaus hat die FSA nach Turners Worten ihre Haltung zu einer stärkeren europäischen Koordination "gründlich überdacht". Die bislang eurospektischen Briten fordern jetzt eine neue europäische Behörde, die innerhalb der EU Regulierungstandards setzen soll. Dabei schwebt Turner aber keine paneuropäische Überwachung vor, sondern eine Art Schiedsrichter, ein Regulierer der Regulierer.

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