Vor dem Merkel-Besuch
Höchste Alarmstufe in Athen

Griechenland bereitet sich auf Angela Merkel vor – mit strengen Sicherheitsvorkehrungen. Normale Menschen wird die Bundeskanzlerin in Athen jedoch nicht treffen – nur Politiker, Journalisten und Unternehmer.
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Athen/Düsseldorf/BerlinIn Athen erwartet Merkel nicht nur großes, sondern größtes Protokoll. Nicht nur von Griechenlands Regierungschef Antonis Samaras wird sie am Flughafen mit militärischen Ehren empfangen. Samaras hat auch vier seiner Minister - was ungewöhnlich ist - zum Flughafen befohlen: Außenminister Avramopoulos, Finanzminister Stournaras, Innenmininster Stylianidis, Entwicklungsminister Chatzidakis. Das hat man in Griechenland lange nicht mehr beim Besuch eines Staatsgasts gesehen. Das Signal ist klar: Dies ist der wichtigste Staatsbesuch für Griechenland in den letzten Jahren.

Die Bedeutung dieser Reise nach Athen erkennt man an einer Personalie. Neben ihrem Wirtschafts-, Außen- und Europapolitikberatern, Lars-Hendrik Röller, Christoph Heusgen und Nikolaus Meyer-Landrut, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre eigentliche "Chef-Beraterin" und Büroleiterin Beate Baumann mitgenommen. Diese ist nicht nur aus inhaltlichen Gründen für Merkel wichtig. Baumanns Votum über die Bewertung der menschlichen Seite eines Gesprächspartners hat in Berlin ziemlich großes Gewicht.

Das deutet darauf hin, dass Merkel noch immer an ihrer Beziehung zum griechischen Premierminister Antonis Samaras arbeitet. Sie will ihm Glauben schenken, weiß nur nicht, ob sie es wirklich darf. Merkel und er seien, so hat es Samaras dem Handelsblatt gegenüber vergangenen Dienstag formuliert, auf dem "falschen Bein" gestartet. Die Annäherung zwischen den beiden läuft aber. Merkel ist dabei - soweit man das in der Politik sagen kann - ein "Vertrauensverhältnis" zu Samaras aufzubauen. Wie weit dieses geht und ob der griechische Premier glaubwürdig in seinen Reformanstrengungen ist, soll mit dieser Reise geklärt werden - und eben dabei ist die Einschätzung von Beate Baumann wichtig.

Zwischen Samaras und Merkel mag sich ein politischer Flirt anbahnen. Für viele Griechen aber bleibt die Kanzlerin ein rotes Tuch, eine Hassfigur. Sie habe erst zu lange gezögert, dem Land überhaupt zu helfen und treibe nun das Land mit ihren Sparauflagen immer tiefer in die Rezession – so eine weit verbreitete Wahrnehmung in Griechenland, wo nicht wenige Menschen generell dazu neigen, die Schuld bei anderen zu suchen. Dass Merkel nicht allen Griechen willkommen ist, davon zeugen die drakonischen Sicherheitsmaßnahmen.

Athen befindet sich seit heute Früh im Ausnahmezustand. Die Flughafenautobahn wird vor Merkels Ankunft komplett gesperrt, um der Wagenkolonne der Kanzlerin freie und sichere Fahrt zu gewährleisten. Im Zentrum der Viermillionenstadt sind weder Privatwagen noch öffentliche Verkehrsmittel unterwegs, die U-Bahn-Stationen bleiben geschlossen. Im Regierungsviertel werden nicht mal Fußgänger geduldet. 7000 Polizisten waren aufgeboten, um die Kanzlerin zu schützen. Solche Sicherheitsvorkehrungen gab es nicht einmal beim Besuch von US-Präsident Bill Clinton im Jahr 1999. Waren es damals die „US-Imperialisten“, gegen die sich die Wut vieler Griechen richtete, sind nun die Deutschen in der Rolle des Buhmanns.

Normale Menschen wird Angela Merkel während ihres Athen-Besuchs nicht treffen – nur Politiker, Journalisten und Unternehmer. Sie wird keinen der 250.000 Griechen begegnen, die täglich vor den Suppenküchen der orthodoxen Kirche für eine warme Mahlzeit anstehen, sie wird weder die Bettler noch die Obdachlosen sehen, die inzwischen zum Stadtbild der Krisenmetropole Athen gehören, und sie wird auch keinen Arbeitslosen kennenlernen, der mit 360 Euro im Monat auskommen muss – bis die Arbeitslosenhilfe nach spätestens einem Jahr ganz versiegt.

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  • 'Dies ist der wichtigste Staatsbesuch für Griechenland in den letzten Jahren' - Wohl nur für die griechische Politmafia, die Angst um ihren Job hat.
    Das Volk hat eh nichts mehr zu verlieren. In dierartigen Situation sind wir Griechen am Kreativsten.

  • Im Grunde ist das Problem mit der europäischen Südschiene doch ähnlich gelagert wie der Zusammenbruch der amerikanischen Immoblase.
    Wie man in Europa jahrelang alle Augen zudrückte, um Abnehmer für v.a. deutsche Exportgüter zu gewinnen, indem man den Südländern die Kredite förmlich aufdrängte und ihnen die EU-Fördergelder praktisch hinterherwarf, so machte es die us-amerikanische Kredit- und Immobilienwirtschaft mit Millionen kreditunwürdiger Häuslebauer. Die Hauptsache war, dass sich überhaupt jemand verschuldete, um vermeintliches Wachstum generieren zu können. Dabei stellten sich die Amerikaner strategisch allerdings wesentlich geschickter an, indem sie die Ausfallrisiken mit Hilfe "innovativer Finanzprodukte" in die ganze Welt verstreuten.
    Hüben wie drüben stellt sich die Frage, wer die Verantwortung zu tragen hat: die Schuldner oder die Gläubiger? Jedenfalls ist die Sachlage nicht so eindeutig, wie Merkel, Medien und Mitwisser es immer wieder gerne darstellen.

  • Ist schon irgendwie verständlich, dass die griechischen Politiker die Merkel vor dem eigenen Volk schützen wollen, schließlich sollen weiter die Milliarden auch von den deutschen Steuerzahlern fließen.
    Und Merkel zahlt garantiert weiter. Auf die Abnicker in der Volkskammer kann sie sich verlassen.
    Es wäre viel wichtiger, dass die deutschen Schlafmichel endlich aufwachen und erkennen, wie groß der Schaden durch die Euro-Schulden-Union, Target2, EZB-Gelddrucken usw. schon ist.
    Erst wenn die deutschen Bürger sich gegen Merkel so verhalten wie heute die Griechen, könnten die Dinge sich endlich ändern.

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