Vor dem Referendum: Zuversicht und Furcht auf der Krim

Vor dem Referendum
Zuversicht und Furcht auf der Krim

Das bevorstehende Referendum spaltet die Bevölkerung auf der Krim: Die Volksgruppe der Russen blickt der Abstimmung freudig entgegen, ukrainischstämmige Bewohner halten sie für unrechtmäßig.
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SimferopolAn Ampeln in der Krim-Hauptstadt Simferopol verkaufen Händler die russische Flagge an Autofahrer. Aus Kleinbussen mit aufgedruckten Wahlslogans ertönen patriotische Lieder. Ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg ist zur Sammelstelle für gespendete Decken und Dosennahrung geworden. Sie sind für die Bewaffneten gedacht, die in den Straßen patrouillieren.

Einer der beiden Fernsehsender, die dieser Tage auf der Krim senden dürfen, bezieht offen Position: Er strahlt Videoclips mit dem Slogan „16. März: Gemeinsam mit Russland“ aus, dazu erklingt die russische Nationalhymne. In den Clips werden höhere Renten, höhere Löhne und eine bessere Lebensqualität versprochen - unter der Ägide Russlands. Wenige Tage vor dem Referendum über einen Beitritt zu Russland ist die Stimmung auf der Krim geprägt von nationalistischem Eifer, Unsicherheit und Angst.

Für Mitglieder der russischen Volksgruppe ist die für Sonntag angesetzte Abstimmung seit langem überfällig, eine Gelegenheit, einen in ihren Augen historischen Fehler zu korrigieren. Unter den Ukrainern und Tataren, die auf der Krim in der Minderheit sind, herrscht Furcht vor. Sie befürchten eine Trennung von der Ukraine, einen Verlust ihrer Identität und Überfälle durch Schläger, die die prorussische Regionalregierung ungehindert agieren lässt.

Die prorussische Seite hat klar die Oberhand. In Simferopol und der Hafenstadt Sewastopol kursieren Flugblätter, in denen zu einem „Ja“ beim Referendum aufgerufen wird. „Als Teil eines mächtigen, multinationalen Landes werden unsere Kultur und Traditionen geschützt werden“, heißt es auf einem der Zettel. „Wir sind bereit, für Russland zu stimmen“, sagt Swetlana Alexandrowa, eine 72-jährige frühere Dolmetscherin. „Die Krim ist russisch, und diese Abstimmung führt uns einfach wieder nach Hause.“

In Sewastopol, Heimatstützpunkt sowohl der russischen als auch der ukrainischen Schwarzmeerflotte, reagieren Bewohner verächtlich auf westliche Reporter. Der Westen verbreite Lügen und unterstütze Faschismus in der neuen Regierung in Kiew. Es gibt Berichte über vereinzelte Überfälle auf Angehörige der ukrainischen Volksgruppe, nächtliche Entführungen und andere Übergriffe seitens paramilitärischer „Selbstverteidigungsgruppen“.

Wjatscheslaw Tymtschuk, ein 23-jähriger proukrainischer Aktivist, sagt, er sei einer Gruppe von etwa zehn Männern mit automatischen Waffen, Pistolen und Messern begegnet. Mitten in Simferopol hätten sie zwei ukrainische Soldaten brutal geschlagen. Als er dazwischen gehen wollte, hätten ihn die Männer verprügelt, mit der Pistole geschlagen und getreten, als er bereits am Boden lag. „Sie fragten nicht einmal, wer ich bin“, sagt Tymtschuk. Sein rechtes Auge ist zugeschwollen, Kopf und Körper weisen Schnittwunden und Prellungen auf. „Sie haben nichts zu mir gesagt.“

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