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Obama im Land der Hiobsbotschaften

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Selbst in den dreißiger Jahren, während der großen Depression, als jeder vierte Amerikaner ohne Arbeit war, blieben die Menschen vergleichsweise zuversichtlich. Die Nation stand erst am Anfang ihrer Weltmachtkarriere. Achtzig Jahre später, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, scheint der Höhepunkt des amerikanischen Imperiums überschritten. Eigentlich kann es nur abwärts gehen, die Frage bleibt nur, wie sich der Abstieg bremsen lässt. "Verliert jetzt nicht den Mut", hämmert Obama seinem Publikum ein, "es werden wieder bessere Tage kommen."

Die Zahlen sprechen derzeit nicht dafür. Jeder siebte Amerikaner hat keine Arbeit, ebenso viele leben in Armut. Fast jeder Zweite erhielt in letzter Zeit in irgendeiner Weise staatliche Unterstützung. Und jeder Zweite musste bereits am eigenen Leib erfahren, was es heißt, ohne Job zu sein oder weniger arbeiten zu müssen, den Lohn gekürzt zu bekommen oder die Sozialleistungen. Jeder Vierte hat weniger als 500 Dollar auf dem Sparbuch. Mindestens drei Millionen Häuser werden zwangsversteigert. Das Durchschnittseinkommen einer Mittelklassefamilie ist im vergangenen Jahrzehnt um fünf Prozent gesunken, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.

Um die politisch-emotionale Dimension dieser Krise zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie brutal der Sturz in die Arbeitslosigkeit in Amerika verlaufen kann: Ohne Kündigungsfrist von einem Tag auf den anderen sein Büro räumen zu müssen und vom firmeneigenen Sicherheitsdienst hinausgeleitet zu werden ist eine Erfahrung, die Millionen Amerikaner kennen. Weder die Demütigung noch der soziale Abstieg werden nennenswert abgefedert: Mit dem Job gehen oft auch die Krankenversicherung, das Haus und die Ausbildungsrücklagen für die Kinder verloren.

Wie der amerikanische Traum zum Trauma wird, hat der Dramatiker Arthur Miller in seinem Klassiker Tod eines Handlungsreisenden eindrucksvoll beschrieben. Den Willy Lomans des Jahres 2010 begegnet man in Amerika derzeit überall. Weiße, Schwarze, Latinos, die vor den Scherben ihrer Existenz stehen, ihre Hypotheken und die College-Gebühren ihrer Kinder nicht mehr finanzieren können.

Irgendwo müssen die Wut und Angst, gespeist aus diesen Zusammenbrüchen, ja hin - gerade in einem Land, dessen Mantra besagt, dass jeder selbst verantwortlich ist für sein Schicksal und damit auch für seinen Niedergang. Viel von dieser Wut ist in der Tea-Party-Bewegung gelandet. Viel fließt in eine aggressive Genugtuung über das vorweggenommene Scheitern dieses Präsidenten. Viel fließt auch in einen ungehemmten Zorn darüber, dass ausgerechnet ein intellektueller Großstadt-Schwarzer sich anmaßt, das Land reformieren zu wollen. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, die Wahl eines Schwarzen sei Ausdruck eines postrassistischen Zeitalters. Die alten Gegensätze und Probleme bestehen unvermindert fort.



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Das Paradoxe ist: Gemessen an dem, was möglich war, hat Obama erstaunlich viel erreicht. Von schärferen Gesetzen für den Finanzmarkt über strengere Standards für Amerikas Schulen bis zu einem gewaltigen Konjunkturprogramm und einer Krankenversicherung für alle - seit einem halben Jahrhundert hat kein anderer Präsident in so kurzer Zeit eine derart umfangreiche Reformagenda gestemmt. "Ist das kein Grund, stolz zu sein?", ruft er auf seinen Wahlkampfauftritten, und das klingt nicht nur wie eine Ermunterung.

  • 27.10.2010, 15:33 UhrWFriedrich

    Der Aufsatz vermittelt die fortgeschrittene Emotionalisierung der bevölkerung. Als neutraler und nicht betroffener beobachter kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. bei emotionsloser betrachtung drängt sich der Schluss auf, dass die USA den Reichtung und Erfolg des 19. Jahrhundert nicht akkumulieret haben und diese Unterlassung nun bitter bezahlen. bitter für die US-bürger ist dieser Umstand vor allem, weil die Ressourcen teilweise zugunsten anderer Völker und Staaten eingesetzt worden sind - z. bsp. zur Überwindung des dt. Faschismus, zur blockung der Sowjetexpansion und zur Überwindung der imperialen Rivalitäten in Europa. Das alles ist Geschichte und die USA stehen aktuell vor der Frage, wie die für die eigene Wirtschaft verlorenen Ressourcen ersetzt werden können. Aus den Presseberichten kann ich nicht erkennen, dass einer der politischen Wettbewerber die erlösende Antwort zu geben vermag. Vielleicht gibt es diese Antwort auch nicht.

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