Vor den Kongresswahlen
Obama im Land der Hiobsbotschaften

Halbzeit für Obama: Den USA geht es schlecht, die Wut auf die Demokraten wächst und wird sich bei den Kongresswahlen im November entladen - ihnen droht der Verlust der Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus. Doch der Präsident hält dagegen - und setzt sogar seine zweite Amtszeit aufs Spiel.
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Er versucht es noch einmal, irgendetwas von der Begeisterung des Jahres 2008 muss doch übrig geblieben sein. Er kommt auf die Bühne, immer noch mit diesem schlaksigen, unbekümmerten Gang, der jetzt, in diesen Zeiten, in diesen Krisen fast provozierend wirkt. Er nimmt das Mikro in die Hand, beugt sich weit vor, als wolle er jedem Einzelnen ins Gewissen reden, kneift die Lippen zusammen und ruft: "Habt ihr den Mut, weiterzumachen, trotz aller Widerstände und Verunsicherung?" 35 000 Menschen haben sich auf dem Campus der Ohio State University in Columbus versammelt und brüllen aus vollem Hals zurück: "Yes we will! Yes we can!" Barack Obama hält kurz inne, als wolle er sagen: Na also, es geht doch.

Noch wenige Tage bis zu den Kongresswahlen, bei denen Obamas Demokraten nach allen Vorhersagen eine verheerende Niederlage, womöglich sogar der Verlust der Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus erwartet. Wahlen, bei denen, so hofft die politische Rechte, auch das Ende des globalen Hoffnungsträgers, Superreformers und Friedensnobelpreisträgers eingeläutet wird. Alles Attribute, die Barack Obama in diesen Krisenzeiten wie erschwerende Tatumstände ausgelegt werden. Nur noch 45 Prozent der Amerikaner finden, ihr Präsident mache einen guten Job. Aber der tut an diesem Tag in Ohio so, als ob das ein ganz anständiges Ergebnis sei, als ob er Schlimmeres erwartet hätte, damals schon, im Herbst 2008.

"Die gute Nachricht ist, wir gewinnen", ermahnte er kurz vor seinem Triumph bei der Präsidentenwahl sein siegestrunkenes Team. "Die schlechte Nachricht ist: Das Land zerfällt." Prophetische Worte. Denn seit zwei Jahren wiederholen sich mit schöner Regelmäßigkeit die fünf amerikanischen Hiobsbotschaften: mehr Arbeitslose, mehr Staatsverschuldung, mehr Zwangsversteigerungen von Häusern, mehr Tote in Afghanistan. Und nirgendwo Besserung in Sicht.

Nun hat das Land auch früher schon Wirtschaftskrisen erlebt und überstanden. Und auch andere Präsidenten haben nach einem umjubelten Amtsantritt zwei Jahre später bei Kongresswahlen herbe Rückschläge erlitten. Bill Clinton, dem eine wiedererstarkte und beißwütige Rechte 1994 eine republikanische Mehrheit auf dem Washingtoner Kapitol bescherte, kann ein Lied davon singen.

Aber die Situation 2010 ist eine andere. Die Euphorie über den ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte Amerikas täuschte anfangs darüber hinweg, dass dies auch der erste Präsident ist, der so schonend wie möglich den langsamen Abstieg des Landes als alleiniger Supermacht moderieren und seinen Landsleuten vermitteln muss. "Ich glaube an das Herausragende Amerikas", sagte er 2009 bei einer Pressekonferenz, "wie Briten an das Herausragende Großbritanniens oder Griechen an das Herausragende Griechenlands glauben." Diese vermeintliche Relativierung amerikanischer Größe und Einmaligkeit und Obamas demonstrativer Verzicht auf symbolische Machtdemonstrationen gelten in der Weltsicht rechter Kommentatoren - und der populistischen Tea-Party-Bewegung - als Landesverrat.

Diese militante Empfindlichkeit ist durchaus amerikanisch, aber dieses Mal geht sie einher mit einem sehr unamerikanischen Phänomen: dem schwindenden Glauben an den American Dream, wonach niemand das Produkt seiner Verhältnisse, sondern Herr über seine eigene Geschichte ist . Dieser fast ungebremste Zukunftsoptimismus war die Triebfeder des amerikanischen Erfolgs, das Fundament der Einwanderungsgesellschaft, der "Kraftquell", wie der Philosoph und politische Ökonom Francis Fukuyama sagt. Doch der notorische Optimismus des Landes weicht einer zunehmend pessimistischen Sicht der Zukunft. Der Glaube der Amerikaner schrumpft, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben werden als man selbst. Genauso wie der Glaube, dass die Neue Welt auf ewig die bessere sein wird.

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  • Der Aufsatz vermittelt die fortgeschrittene Emotionalisierung der bevölkerung. Als neutraler und nicht betroffener beobachter kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. bei emotionsloser betrachtung drängt sich der Schluss auf, dass die USA den Reichtung und Erfolg des 19. Jahrhundert nicht akkumulieret haben und diese Unterlassung nun bitter bezahlen. bitter für die US-bürger ist dieser Umstand vor allem, weil die Ressourcen teilweise zugunsten anderer Völker und Staaten eingesetzt worden sind - z. bsp. zur Überwindung des dt. Faschismus, zur blockung der Sowjetexpansion und zur Überwindung der imperialen Rivalitäten in Europa. Das alles ist Geschichte und die USA stehen aktuell vor der Frage, wie die für die eigene Wirtschaft verlorenen Ressourcen ersetzt werden können. Aus den Presseberichten kann ich nicht erkennen, dass einer der politischen Wettbewerber die erlösende Antwort zu geben vermag. Vielleicht gibt es diese Antwort auch nicht.

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