Vor der Abstimmung
Wahlkampf in Afghanistan: Vergessen und mutlos

In einem Monat wählt Afghanistan einen neuen Präsidenten. Viele fürchten, es wird der alte sein. Eine Reise in eine entlegene Region, in der die Menschen den Glauben an Wandel fast aufgegeben haben.

BANDAR. Safia Shah Alemi tritt in einem blauen Gewand und mit einem Lächeln aus der Tür eines Lehmhauses. Zupackend streckt sie einem die Hand entgegen. Im Sonnenlicht schimmert ihr Goldzahn. In Daikundi, einer Provinz im zentralen Hochland von Afghanistan, tragen alle Frauen das Gesicht unverschleiert. Burkas findet man hier nicht.

Das Haus, in dem Safia wohnt, hat zwei große Türme an den Seiten. Ihr Vater war ein einflussreicher Mann in der Region. Sie selbst hat nicht mehr als vier Jahre lang die Schulbank gedrückt. Das Schicksal teilt sie mit den meisten Frauen hier.

In einem wichtigen Punkt unterscheidet sie sich aber von der Mehrheit: Safia Shah Alemi will, dass sich das Leben der Menschen hier bessert. Dafür will sie sich einsetzen. "Dies ist die Zeit, aufzustehen und den Menschen von Daikundi zu dienen", sagt die Mutter von acht Kindern.

In einem Monat wählt Afghanistan. Mehr als zwölf Millionen Menschen stimmen über einen neuen Präsidenten und über die Zusammensetzung des Provinzrats ab, der die Entwicklung in den Regionen mitgestaltet.

Der Westen sieht darin einen Schritt in Richtung Demokratie. Die Hoffnungen der Menschen in Afghanistan auf Fortschritte ist dagegen arg strapaziert. Ihr Optimismus schwindet langsam. Manche mutmaßen, der Wahlsieger stehe ohnehin schon fest und die Länder, die den Wiederaufbau in Afghanistan fördern, hätten sich bereits festgelegt - auf den amtierenden Präsidenten, auf Hamid Karsai. Auf den Mann, der der Korruption bislang keinen Einhalt gebieten, der keine stabilen politischen Strukturen aufbauen konnte.

Safia Shah Alemi kandidiert für die Wahlen zum Provinzrat im Bezirk Bandar. Ein wirkliches Programm hat sie nicht. Hier gibt es keine Parteien. Jeder steht für sich allein. Als einzige Frau unter Männern in der Öffentlichkeit zu stehen ist Programm genug in einer Provinz, in der Väter ihre Töchter aus Armut verkaufen.

Die Kandidatin hat den Druck von Wahlplakaten im Wert von 200 US-Dollar in Auftrag gegeben. Um das bezahlen zu können, hat sie ein Stück Land verkauft. Noch sind die Plakate aus der Hauptstadt Kabul nicht in Bandar eingetroffen. Die Ruhe macht sie stutzig. Es gibt auch keine unabhängigen Beobachter, die wie bei den Wahlen vor fünf Jahren den korrekten Ablauf des Urnengangs sicherstellen. Vielleicht sind sie schon unterwegs. Vielleicht auch nicht.

Seite 1:

Wahlkampf in Afghanistan: Vergessen und mutlos

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%