Vor der Griechenland-Wahl
Ist das die Wende für Tsipras?

Kurz vor der griechischen Parlamentswahl liegt Ex-Premier Alexis Tsipras in Umfragen knapp in Führung. Für Syriza ist das Ergebnis richtungsweisend. Doch vielen Griechen ist die Abstimmung egal.

AthenEs klingt fast flehentlich, wie Alexis Tsipras am Freitagabend seinen Zuhörern bei der letzten Kundgebung vor der Parlamentswahl am Sonntag auf dem Athener Syntagmaplatz zuredet: „Syriza ist keine Leuchtkugel, die aufsteigt und dann wieder erlischt“, ruft Tsipras. „Ihr seid Syriza, das Volk ist Syriza!“

Aber was ist Syriza wirklich? Ein aufsteigendes Gestirn – oder eine Sternschnuppe? Die Antwort ist nicht einfach. Das Bündnis der radikalen Linken, ein Sammelbecken aus mehr als einem Dutzend widerstreitender politischer Strömungen und Sekten, das Tsipras seit 2008 leitet und im Januar zum Wahlsieg führte, zerfällt. Das Bündnis, das nie eine Partei war, zerbricht an der Konfrontation mit den harten Realitäten der Regierungsverantwortung. 25 Abgeordnete hatten Tsipras’ Partei zuletzt den Rücken zugekehrt und die neue „Volkseinheit“ gegründet. Die Frage dieser Wahl lautet also auch: Kann sich Rest-Syriza berappeln? Ist die Spaltung der erste Schritt zu einer Konsolidierung, aus der vielleicht in Zukunft eine neue Volkspartei hervorgeht? Und wird dann aus dem europäischen Störenfried Tsipras vielleicht sogar ein Staatsmann? Auch darum geht es bei der Parlamentswahl am Sonntag.

Tsipras erntet nur verhaltenen Jubel

Es ist ein heißer Spätsommerabend, der Himmel ist wolkenlos. Auch jetzt, eine Stunde nach Sonnenuntergang, zeigt das Thermometer noch über 30 Grad an. Ein leichter Nordwind weht, die Luft ist klar, keine Spur von dem berüchtigten Athener Smog. Aber eine wirklich fröhliche Stimmung will unter den Menschen auf dem Platz nicht aufkommen.

Eher mechanisch schwenken die Anhänger des Linksbündnisses Syriza – oder was davon nach der Spaltung der Partei noch übrig ist – die mitgebrachten Fahnen. Nur wenige stimmen in die von den Einpeitschern über Megafone vorgegebenen Sprechchöre ein: „Wir gewinnen das Morgen!“

Tsipras breitet am Rednerpult die Arme aus. „Die Würfel sind gefallen, der Sieg ist gegeben“, ruft er der Menge zu. Aber der Jubel klingt verhalten. Wie viel ausgelassener war die Stimmung auf diesem Platz vor acht Monaten, als Tsipras vor seinem ersten Sieg stand. Seitdem ist viel passiert. Statt die Kreditverträge zu „zerreißen“ und die verhasste Troika zu vertreiben, wie er versprochen hatte, unterschrieb Tsipras im Juli ein Anpassungsprogramm, das neue Spar- und Reformauflagen beinhaltete. Er musste die Steuern erhöhen, die Renten weiter beschneiden und jene wenigen Wahlversprechen, die er umgesetzt hatte, teilweise sogar zurücknehmen. Viele Syriza-Anhänger sind von ihrer Regierung tief enttäuscht.

Oppositionelle Konservative legten rasante Aufholjagd hin

In diesem Klima der Frustration ruft Tsipras die Wähler nun zu den Urnen. Er wollte ein neues, stärkeres Mandat der Wähler. Aber die erhoffte absolute Mehrheit scheint unerreichbar, auch wenn er sie am Freitagabend auf dem Syntagmaplatz erneut als greifbares Ziel beschwört. Seinem bisherigen Koalitionspartner, den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen, droht das Aus – die Partei könnte an der Dreiprozenthürde scheitern. Tsipras kann heilfroh sein, wenn Syriza am Sonntag wenigstens stärkste Partei bleibt.

Er spürt Gegenwind. Nachdem die Frustration vieler Griechen über den Sparkurs im Januar Syriza mit 36 Prozent der Stimmen den Wahlsieg bescherte, schwang das Pendel in den vergangenen Wochen zurück: Die oppositionellen Konservativen konnten unter ihrem neuen Chef Meimarakis eine rasante Aufholjagd hinlegen, während Syriza in den Befragungen der Meinungsforscher massiv an Unterstützung verlor.

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