Vor der Kosovo-Wahl
„Wir sind keine Kriminellen“

Sechs Tote, 13 Verletzte, ein Arsenal illegaler Waffen: In Mazedonien wächst die Angst vor Unruhen mit den Albanern in der Grenzregion. Nur wenige Tage vor den Wahlen im Kosovo bricht der jahrelange Konflikt wieder auf. Sollte sich der Kosovo für unabhängig erklären, steht das Nachbarland vor eine Zerreißprobe.

BRODEC. Die Fenster der Moschee von Brodec sind zersplittert, Glasreste liegen auf dem Kopfsteinpflaster. In der Wand klaffen Einschusslöcher. Männer schleppen sich in kleinen Gruppen den Hang hinauf an der Moschee vorbei zur Mitte des Dorfes. Brodec liegt an der Nordgrenze Mazedoniens, wenige Kilometer vom Kosovo entfernt.

Die Männer kommen zur Beerdigung von Ferrat Shahini und Fisnik Ahmeti – die mazedonische Polizei hatte die zwei knapp 20 Jahre alten Albaner in der vergangenen Woche erschossen. Offiziell suchten die Sicherheitskräfte Kriminelle, die aus einem Gefängnis in Kosovo geflohen und angeblich in dem Dorf Zuflucht gefunden hatten. Sechs Menschen starben, 13 wurden teils verletzt und inhaftiert. Das nur von Albanern bewohnte Dorf trägt Trauer. Und im Land wächst die Angst vor neuen Unruhen zwischen Mazedoniern und Albanern.

Genau mit solchen Auseinandersetzungen hat 2001 der Krieg zwischen der mazedonischen Polizei und den albanischen Freiheitskämpfern begonnen, die sich damals in der UCK organisierten. Heute hängt die Stabilität des Landes erneut am seidenen Faden. Denn ähnlich wie im benachbarten Kosovo prallen hier zwei Realitäten aufeinander – die mazedonische und die albanische.

Etwa ein Viertel der zwei Millionen Einwohner des Landes, das sich um den Beitritt zur EU bemüht, sind Albaner. Nur wenige Tage vor den Wahlen im Kosovo am Samstag bricht der Konflikt wieder auf. Sollte sich der Kosovo für unabhängig von Serbien erklären, stellte dies das Nachbarland vor eine Zerreißprobe. Mazedoniens Koalitionsregierung ist entsprechend nervös.

„Die Waffen, die wir in dem Dorf gefunden haben, sind eindeutig Waffen, um Attentate auf Städte und Institutionen in Mazedonien zu verüben“, sagt Innenministerin Gordana Jankuloska. Sie glaubt an eine Provokation der Albaner aus dem Kosovo und dem eigenen Land, um die Stabilität in Mazedonien zu schwächen. „Unsere Polizei hat perfekt gehandelt. Es gab keine zivilen Opfer und keine nennenswerten Schäden im Dorf“, sagt die gerade 28 Jahre alte Ministerin. Sie gehört der konservativen Partei an, die das Land mit einer kleineren Albaner-Partei regiert. Die Getöteten bezeichnet die Ministerin als „Terroristen“.

Tatsächlich sind in Brodec nicht nur die Fenster der Moschee zersplittert – auch das Vertrauen der Volksgruppen zueinander hat gelitten. Zur Beisetzung der getöteten Dorfbewohner sind Hunderte Familien aus umliegenden Dörfern gekommen. „Wir alle wollen ihre Unschuld unterstreichen“, sagt einer von ihnen. Die Sicht der Regierung ist für ihn eine Beleidigung.

Ein alter Mann steht vor den Resten seines Hauses. Es ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. „Sie haben mit einem Panzer von einem gegenüberliegenden Hügel geschossen“, erzählt der Besitzer, der nun bei seinem Bruder untergekommen ist. Er ist über 70 Jahre alt. Mit Kriminellen habe er nichts zu tun, versichert er.

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