Vor der Wahl
Irans verschleierte Modernisierung

Atompolitik, Todesurteile, Drohungen gegen Israel: Trotz der Macht der Ayatollahs lohnt sich die Kooperation mit dem Iran. Die Eliten nutzen alle Impulse von außen, um ihr Land zu erneuern. Ein Essay der Expertin Susanne Schön.

Der Iran rangiert zumindest in der westlich orientierten Welt auf der Wunschliste der Kooperationspartner eindeutig auf den hinteren Plätzen. Was tun, wenn der eigene Geschäftspartner mit iranischem Migrationshintergrund den Auftrag mitbringt, das iranische Energieministerium in Sachen innovativer Ressourcenpolitik zu beraten? Sich politisch korrekt der westlichen Sanktions- und Blockadehaltung anschließen, die das Bild von einem sich stetig radikalisierenden Iran reflektiert? Oder die zahlreichen Bedenken einfach ausblenden, Mantel und Schleier drüber und los?

August 2008 im iranischen Energieministerium: Ich soll einen Vortrag über die Hemmnisse bei der Modernisierung der iranischen Abwasserentsorgung halten und darlegen, wie eine ressourceneffiziente, wirtschaftlich und sozial tragfähige Abwasserwirtschaft entwickelt werden kann. Schon eine erste Analyse fördert haufenweise kritische Aspekte zutage: Kein konsistentes politisches Konzept, unklare oder widersprüchliche Organisationsstrukturen, nicht durchgesetzte gesetzliche Regelungen, unzulänglich funktionierende Geschäftsmodelle und Mängel bei Planung, Bau und Betrieb der Anlagen greifen so ineinander, dass man die Gemengelage eigentlich nur als organisierte Verantwortungslosigkeit bezeichnen kann. Meine erste Frage an meinen Geschäftspartner Shahrooz Mohajeri lautet: "Was kann ich dort sagen?" Seine Antwort: "Du kannst alles sagen."

Neun Uhr morgens im Sitzungssaal des Vorstands der National Water and Wastewater Engineering Company (NWWEC), eine dem Energieministerium untergeordnete Holding, die für sämtliche Aufgabenfelder der insgesamt 64 iranischen Wasserver- und-entsorger zuständig ist. Edle Einrichtung mit fein ziselierten Holzarbeiten, auf dem Konferenztisch ein kleines Podest, auf dem der Koran ruht. Anwesend sind Vorstand und Mitarbeiter der NWWEC, Vertreter des Energieministeriums und aus Ahmadinedschads Präsidialbüro. Ich lege los und lasse keinen der kritischen Aspekte meiner ersten Analyse aus. Die Reaktionen sind verblüffend: differenzierte Kommentare, interessierte Nachfragen, auch Skepsis, aber eine ausgesprochen offene und kontroverse Diskussion - und das im konservativen Energieministerium. Dies war und ist kein Einzelereignis, sondern spiegelt die Erfahrungen aller Kollegen wider, die in unserem "inter 3 Institut für Ressourcenmanagement" an der Investitions- und Finanzierungsstrategie und der institutionellen Optimierung des iranischen Wassersektors mitarbeiten und von dort ausgehend auch die Fühler in den Energiebereich ausstrecken.

Unterhalb der obersten Politikebene arbeitet im Iran eine säkularisierte, bürgerliche Elite fachlich versiert und ausgesprochen diskussionsfreudig an der Modernisierung des Landes. Sie interessiert sich für eine vernünftige und tragfähige Wasserver- und Abwasserentsorgung, für erneuerbare Energien und rationelle Energieverwendung, für sektorübergreifende technologische Konzepte etc. Zugleich leidet diese Elite unter der zum Teil erratischen und widersprüchlichen nationalen Politik, die ihre Modernisierungsbemühungen behindert.

Beispielsweise ist es erklärtes Ziel der islamischen Regierung, die Preise für Wasser und Benzin niedrig zu halten. Sie will der Bevölkerung keine großen finanziellen Lasten auferlegen und erkauft sich so die Zustimmung insbesondere der ärmeren Schichten. Gleichzeitig werden die Wasserver- und-entsorger (WWC) zu kostendeckendem und die knappen Wasserressourcen schonendem Wirtschaften angehalten. Wie allein der Betrieb, geschweige denn der Ausbau und die Modernisierung der Anlagen finanziert werden sollen, bleibt ein Geheimnis.

Nach drei extrem niederschlagsarmen Sommern soll das Volk Wasser sparen. Aber die üppigen Grünflächen zwischen den achtspurigen Teheraner Stadtautobahnen werden auch bei 40 Grad im Schatten den ganzen Tag bewässert. So wird weder das Bewusstsein der Iraner für die Wasserknappheit gesteigert noch ihre mangelnde Zahlungsbereitschaft für Ver- und Entsorgungsdienste erhöht. Auch die Aus- und Weiterbildung der WWC-Mitarbeiter steht ganz oben auf der Agenda. Über Einstellungen dürfen allerdings nicht die Geschäftsführer der WWCs entscheiden. Personalpolitik wird bis ins Detail woanders gemacht - und die Qualifikation ist dabei nicht das entscheidende Kriterium. Solche Beispiele gibt es viele, die Verantwortlichen bemühen sich, aber das ewige Konterkarieren ihrer Anstrengungen macht sie müde.

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