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Vor G-20-Treffen: Die Provokation des US-Finanzministers

Der amerikanische Finanzminister bleibt sich treu: Heute treffen sich die G20-Finanzminister und Notenbankchefs in Südkorea, und wieder hat Timothy Geithner am Vortag einen Brief geschrieben. Der Inhalt des Briefes, der dem Handelsblatt vorliegt, dürfte für Empörung bei vielen seiner europäischen und asiatischen Kollegen sorgen.

US-Finanzminister Timothy Geithner Quelle: Reuters
US-Finanzminister Timothy Geithner Quelle: Reuters

HB BERLIN/WASHINGTON. Diesmal verlangt Geithner, dass sich Länder mit hohen Exportüberschüssen verpflichten, mit Steuererleichterungen und ihrer Wechselkurspolitik die heimische Nachfrage anzukurbeln. Dies würde Deutschland, China, Japan und andere exportstarke Länder betreffen. Im Gegenzug müssten sich, so Geithner, Länder mit chronischen Handelsbilanzdefiziten, also vor allem die USA, auf einen Sparkurs und die Förderung ihrer Exportwirtschaft verpflichten.

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Besonders pikant: Geithner will genaue Grenzen der Ungleichgewichte im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung der jeweiligen Länder festlegen. Werden die noch zu definierenden Grenzen übertroffen, müssten Konsequenzen in der nationalen Wirtschaftspolitik gezogen werden. „Ausnahmen kann es für strukturell starke Rohstoff-Exporteure geben“, erwähnt Geithner als einziges Zugeständnis an Länder wie Russland.

Beim letzten Treffen der G20-Finanzminister im Juni in Südkorea hatte Geithner ebenfalls mit einem Brief für Aufruhr unter seinen Kollegen gesorgt. „Der Wechsel zu höheren Sparquoten in den USA muss durch eine höhere Binnennachfrage in Japan und in den europäischen Überschussländern ergänzt werden“, hatte er damals verlangt. Mit der Forderung nach festen Grenzen setzt Geithner jetzt noch einen obendrauf.

Ablehnende Reaktionen folgten prompt. Er erwarte bei diesem Thema höchstens ein paar allgemeine Sätze, sagte der stellvertretende russische Finanzminister Dimitrij Pankin. Zurückhaltend reagierten auch Indien und Deutschland. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) verwies vor seinem Abflug nach Korea auf die „überaus gute Binnenkonjunktur“ in Deutschland: Erstmals seit Jahren sei das Binnenwachstum stärker als das Exportwachstum. Im Übrigen beruhe die deutsche Exportstärke auf der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe.

Brüderle vertritt in Korea den kranken Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Mit ihm habe er sich am Mittwoch bei einem Besuch im Krankenhaus eng abgestimmt, sagte er. Die deutsche Position sei, deeskalierend zu wirken, um nach der Krise weltweite Handels- und Währungskriege zu verhindern. Die Debatte zwischen den Wirtschaftsmächten müsse „in rationale Bahnen gelenkt werden“, sagte er.

Die USA, die unter einem enormen Handelsdefizit leiden, üben seit langem Druck auf die Exportnationen aus, ihre Überschüsse abzubauen. Im Visier Washingtons sind hier vor allem Deutschland und China. Die USA werfen Peking zudem vor, den Wert seiner Währung künstlich niedrig zu halten, um sich dadurch Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Vor diesem Hintergrund verlangt Geithner in seinem Brief die Festlegung auf „Normen“ auch bei den Wechselkursen. Bereits auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) Anfang des Monats in Washington hatte er ähnliche Forderungen erhoben. In einem Interview mit dem „Wall Street Journal“ betonte er, der chinesische Yuan sei „in jeder Hinsicht unterbewertet“.

Geithner unterstrich gestern allerdings auch, dass die USA keine Politik betrieben, um den Dollar gezielt zu schwächen. Die wichtigsten Währungen seien „derzeit in etwa untereinander ausgewogen“, sagte er. Dies dürfte ein Signal dafür sein, dass er eine weitere Schwächung des Dollars gegenüber Euro und Yen für nicht notwendig erachtet.

  • 22.10.2010, 19:37 Uhrjvs

    was wollen den die amerikaner noch exportieren ? wird ja alles in china gebaut !

  • 22.10.2010, 19:05 Uhrk.h.a.

    Das regulative Gerede aus USA seit der "Sozialist" Obama auf dem Präsidentenstuhl sitzt, wird auch mit der (dort verschwendeten) Zeit und Wiederholungen nicht richtig. Man sollte an der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen arbeiten lassen, wozu auch gehört, daß die Folgen der Krise marktgerechter Verarbeitung zugeführt werden. Solange man das mit den Neo-Keynesianern - vor kurzem noch im Weißen Haus - nicht einzusehen vermag, weil ideologie die Sicht verbaut, wird es nichts werden. Die bemühungen, mit Geld und Staatsprogrammen zu päppeln, scheitern (erneut) am Äquivalenzprinzip: alles hilft nicht und Schulden steigen, also vermeiden Verbraucher in Erwartung steigender Steuern (die Schulden von heute) jede Ausgabe und Kreditaufnahme; Vertrauen fehlt. Zuerst müssen alle durch die Hölle gehen bevor es aufwärts gehen kann. Wenn diese Einsicht zu einer entsprechend veränderten (Geld- und Fiskal-) Politik führen sollte - vermutlich erst unter dem nächsten republikanisch-monetaristischen Präsidenten - dann läuft alles von ganz allein, fast.

  • 22.10.2010, 18:20 UhrGerd Kintzel

    @ andre knoop

    Zitat: "Die hohe Qualität der Güter? ...möglicherweise auch.
    Aber doch v.a. die Möglichkeit auf dumping-entlohnte Zeitarbeiter zurückgreifen zu können,..."

    Was wollen Sie, Herr Knoop? Es genauso machen wie die Amis z.b. in der Stahlindustrie in den 70gern? Da haben die Untenehmer, statt ihre Anlagen zu Modernisieren - Rationalisieren, lieber eine Lohn- und Gehaltskürzung von 30% mit den Gewerkschaften ausgehandelt. Als die Kürzungen aufgezehrt waren und die betriebe wieder in den unrentablen bereich kamen, konnte man nicht weiter kürzen - der Effekt war aufgebraucht, legte die Stahl-und Eisenschmelzen einfach still und schickte die Arbeitnehmer auf die Straße.

    Das ist innovation auf amerikanisch. Über 50% der verarbeitenden industrie drüben ist übrigens hoffnungslos veraltet und lebt zu großen Teilen nur noch von den zinsgünstigen Krediten. Es dauert nicht mehr lange, und dieses gesamte System rechnet sich vorne und hinten nicht mehr. Das ist auch einem Geithner - der hier bewußt vorbeugen will, bestens bekannt.

    9,8% Arbeitslosigkeit z.Zt. in den USA? Die werden sich nach diesen Zeiten noch zurücksehnen.

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