„Währungskommissar kein Gipfelthema“ Hollande blockiert Merkels Reformideen

Deutschland und Frankreich wollen die Euro-Krise durch institutionelle Reformen lösen. Doch haben der französische Präsident und die Kanzlerin vor dem EU-Gipfel ganz unterschiedliche Ideen, wie das konkret aussehen soll.
Update: 18.10.2012 - 17:30 Uhr 38 Kommentare

Merkel und Hollande vor EU-Gipfel uneins über Kurs

Brüssel/BerlinBundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande zerren auf dem EU-Gipfel in unterschiedliche Richtungen. Während Deutschland auf mehr Verbindlichkeit für die wirtschaftspolitischen Reformzusagen dringt, verlangt die Regierung in Paris vor allem eine Entscheidung für eine Bankenunion, die den Weg für weitergehende Hilfen an Krisenstaaten ebnen soll.

Merkel und Hollande wollten am Donnerstag vor den Gesprächen mit ihren 25 Kollegen noch bilateral beraten, wie es in Regierungs- und EU-Kreisen hieß. Auf der Tagesordnung des am späten Nachmittag gestarteten Gipfels steht die Zukunft der EU: Tiefgreifende Reformen der Zusammenarbeit sollen die Gemeinschaft vor weiteren Schuldenkrisen absichern.

Die Kanzlerin stellte sich in ihrer Regierungserklärung vor ihrer Abreise nach Brüssel hinter die Vorschläge von Finanzminister Wolfgang Schäuble und forderte einen starken EU-Währungskommissar mit Eingriffsrechten in nationale Haushalte, falls sich Länder nicht an ihre Stabilitätsvorgaben halten. Mitgliedstaaten sollten aber auch verbindliche Reformvereinbarungen mit der europäischen Ebene schließen. "Ohne Zweifel, die Schritte werden zu einer neuen Qualität der wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit in der Euro-Zone und darüber hinaus führen", sagte Merkel im Bundestag in Berlin.

Mit diesem Vorstoß trifft Deutschland beim wichtigsten EU-Partner Frankreich auf kühle Zurückhaltung: Eine Stärkung des Währungskommissars stehe in Brüssel nicht zur Debatte, sagte Präsident Hollande. "Das Thema dieses Gipfels ist nicht die Fiskalunion, sondern die Bankenunion." Als einzige Entscheidung gehe es darum, die Bankenunion und speziell die geplante europäische Bankenaufsicht bis zum Ende des Jahres auf den Weg zu bringen, sagte er. "Das andere Thema steht nicht auf der Tagesordnung."

Dem französischen Staatschef François Hollande zufolge könnte Kanzlerin Angela Merkel aus Wahlkampfgründen die rasche Einrichtung einer Bankenaufsicht verzögern. Auf eine Frage, warum Frankreich aufs Tempo drücke und Deutschland bremse, sagte er: "Es gibt vielleicht Gründe, die sich im Wahlkalender finden." Er komme aus einer Wahl, Merkel habe ihren Termin im September 2013. "Ich kann den Unterschied im Kalender verstehen. Aber Frankreich und Deutschland haben eine gemeinsame Verantwortung, und die ist es, die Eurozone aus der Krise zu bringen."

Das sei zwar fast geschafft. Der beste Weg, das zu garantieren, sei, "die gemeinsamen Entscheidungen zu respektieren". Und nach seiner Lesart hat der Gipfel im Juni "beschlossen, bis Ende des Jahres eine Bankenunion einzurichten".

Unterstützung für Merkels Kurs kommt aus Skandinavien. "Wir sollten die Dinge nicht überstürzen, es geht um komplizierte Fragen und wir müssen juristische Antworten finden", sagte der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt beim EU-Gipfel. In ihrer jetzigen Diskussionsform sei die neue Kontrollbehörde nichts mehr als "ein unausgereifter Vorschlag - und wenn man es nicht richtig macht, löst man keines der Probleme".

Die Euro-Gruppe hat im Juni eine Bankenaufsicht zur Voraussetzung dafür gemacht, dass künftig angeschlagene Banken auch direkt Geld aus dem europäischen Rettungsfonds erhalten können. Die Aussicht war vor allem für Spanien gedacht, das seinen Finanzsektor massiv mit Staatsgeld stützen muss. Zuletzt erhielt die viertgrößte Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft aber wieder mehr Vertrauen an den Märkten: Das Land nahm am Donnerstag bei der Aufstockung von Anleihen mit Laufzeiten von drei, vier und zehn Jahren insgesamt 4,6 Milliarden Euro ein und übertraf damit die eigenen Erwartungen. Bei den Auktionen zahlte das Land durchweg niedrigere Renditen als zuletzt.

Auch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann äußerte sich kritisch zu den deutschen Vorschlägen. Statt eines Super-Währungskommissars mit Veto-Recht zu nationalen Haushalten bevorzuge er "Super-Vorschläge" etwa im Kampf gegen die steigende Jugendarbeitslosigkeit, sagte der Sozialdemokrat. Der britische Europaminister David Lidington warnte im "Tagesspiegel" vor einer übereilten Diskussion über EU-Vertragsänderungen, die für Schäubles Pläne nötig wären: "Eine solche Diskussion braucht Zeit."

Merkel will europäischen Solidar-Fonds
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38 Kommentare zu "„Währungskommissar kein Gipfelthema“: Hollande blockiert Merkels Reformideen"

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  • Dann googlen Sie doch bitte mal Wahlalternative2013 und/oder Zivilekoalition (sorry, habe die Links gerade nicht an diesem Platz). Wenn den C-Parteien eine wertkonservative Partei als Mehrheitsbeschaffer an die Seite gewaehlt wird, sieht das schon ganz anders aus. SPD waehlen hilft leider nicht, die sind seit Schroeder nur noch ein Haufen Opportunisten und abgehobener wortgewaltiger aber fachUNkundiger Politologen und Theoretiker.
    Vielleicht sollten man statt Abgeordneter "Abgehobene" als gefluegeltes Wort etablieren:))

  • Es muß endlich ein Ende haben mit der Erpressung der Deutschen. Angefangen hat es mit Maastricht und der Erpressung, der Kohl erlegen ist. Es war die grenzenlose Eitelkeit des Herrn Kohl, "Kanzler der Einheit" zu werden. Er ist "Kanzler des Niedergangs Deutschlands" geworden. Ich sehe leider keinen, der diesem Desaster ein Ende machen könnte. Das erste wäre der Ausstieg Deutschlands aus der Eurozone.
    Früher kannte ich eine sowietische Bezatzungszone (SBZ), jetzt erleben wir eine Brüsseler Besatzung, undemokratischer bis zum geht nicht mehr, Ausbeutung der Leistungsträger, Arroganz der Politkader.

  • Der gesammte Verein dem Barroso vorsteht sollte erst einmal eine demoktratische Legitimierung erhalten. Schäuble und Co. hebeln seit langem die demokratischen Grundregeln aus und werden dabei von der Mehrheit der Medien nicht zur Rechenschaft gezogen. Bei Wulf war das ganz anders. Schande!

  • "Merkel macht mittlere bis linke SPD-Politik. Was wir brauchen ist eine echte konservative und patriotische Kraft in Deutschland."
    -------------------------
    Was glauben Sie, wie schnell eine solche Partei, die sich gegen die Europa-Besoffenheit stemmt, hierzulande in die Nazi-Ecke gestellt wird?
    Merke: Patriotismus ist, auch wenn gemäßigt, in Deutschland unerwünscht. Der Deutsche hat vor den anderen Staaten Europas servil zu kriechen, alles zu bezahlen und sich für diese Gnade, den Gutmenschen geben zu dürfen, auch noch zu bedanken... :-(
    Ich betrachte ein solches Verhalten als Rückgratlosigkeit und Schleimerei!

  • Sie haben völlig recht. Auch in GR, wie Frau Merkel heute ausführte, beteiligen sich die Reichen nicht an der Rettung ihres Landes, und hier sollen privathaushalte die Stromrechnung der Firmen bezahlen, und die üppigen Vergütungen an Solaranlagenbauer, während in GR,F,I und E dieWohlhabenden Steuerflucht begehen. Aber das gesamte Europa und Euro Management hat bewiesen wie unbedarf sie einen Fehler um den anderen machen. Aber es ist ja nur Steuerzahler-Geld und hierbei geht es um GROßES !

  • Es geht dem 3-Gestirn F,I, und E in erster Linie um finanz.
    Vorteile , wie niedrige Zinsen und sie werden Frau Merkel
    nicht entgegen kommen, zumal der Vorschlag mit einem Kommissar auch nicht sehr demokratisch ist. Andererseits muss mit GR konsequenter umgegeangen werden: es ist inakzeptabel, dass man im 3.Jahr einige Auflagen noch immer nicht erfüllt u.z.T. erst jetzt zögerlich und halbherzig in Angriff nimmt. So wird das nichts!
    Das Land das am meisten bezahlt muss auch das meiste Sagen haben, auch wenn das anderen nicht gefällt.
    Die Freien Wähler sollen bitte in allen Ländern zur Wahl antreten und nicht nur in Bayern. Diese Regierung macht Umverteiung von unten nach oben und ist nicht wählbar, aber
    SPD und Grüne auch nicht, denn die wollen alles hergeben.
    Der Gipfel ist, dass das Parlament anstatt auf die Hälfte reduziert noch um 10% vergrößert werden soll wegen der Überhangmandate. Die Politik schert sich nicht um Kosten !

  • Hollande hat seit seinem Regierungsantritt immer nur Anregungen gegeben wie man die Geldschleusen schneller öffnen kann, immer die schwächeren Südländer als Grund vorgeschoben. Dahinter steckt aber sein Ansinnen mit europäischen Geld die französischen Banken und die französischen Schattenhaushalte zu entlasten. Anders wird er seine verkündeten Ziele nicht erreichen. Frankreich muss ca. 40 Mrd. Euro sparen, um die verkündeten -3 % in 2013 zu erreichen. Das wurde unter der Bedingung errechnet dass 2013 ein Wachstum von 1,3 % erreicht wird. Das alleine schon ist illusorisch. Durch seinen starken Mann Auftritt am Beginn seiner Regierungszeit mit 75 % für Unternehmen und Reiche hat er internationale Investoren vergrault, die jetzt für Standortentscheidungen einen weiten Bogen um Frankreich machen. Was notwendig wäre, ist endlich mit den Arbeitsmarktreformen zu beginnen. Das tut er nicht, weil er dann seine Freunde, die ihn auf das Schild gehoben haben vergrätzt. Also sucht er nach Milliarden unter dem Motto, Hilfsgelder können nicht nur den Südländern zugestanden werden. Frankreich ist inzwischen das größte Problem im Euroraum. Überall Silberstreifen am Horizont, nur in Frankreich verdüstert sich der Himmel.

  • Zieht Hollande Deutschland am Nasenring durch die Arena? Dann muss man eben mal einen Gipfel platzen lassen!

  • Die Europolitiker sind auf bestem Wege mit ihrer wovon auch immer getriebenen Euroidiotie alte Ressentiments zu wecken und den Zerfall der Gemeinschaft zu befördern.

    Wenn Kretins wie Hollande oder Autodidakten und Gestörte wie Merkel oder Berlusconi Regierungsverantwortung übernehmen zeigt sich wie selbstzerstörerisch Demokratie sein kann.

    Wer schützt uns vor uns selbst???

  • Das ist ja das Damoklesschwert, das über Katalonien zu hängen scheint, wenn man dort Unabhängigkeit will. Laut spanischer Verfassung marschiert dann das spanische Heer ein und wird Katalonien besetzen. Tja, weil man einen der Hauptfinanzierer von Spanien eben nicht gehen lassen will. Sie müssen also bluten, entweder finanziell oder aber anders, die Katalanen.

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