Währungsumstellung
Welche Krise? Estland freut sich auf den Euro

Ganz Europa spricht von der Euro-Krise, nur Estland nicht. Die aktuelle Verschuldung liegt bei etwa vier, das Haushaltsdefizit gar nur bei etwa 1,3 Prozent. Das sind Werte, von denen die meisten EU-Länder nur träumen können. Voller Überzeugung führt Estland am 1. Januar 2011 die Gemeinschaftswährung ein und versteht die Krisenängste nicht.
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TALLINN. Es ist zum Verzweifeln. Wo man auch hingeht in Estland, dem kommenden 17. Mitgliedsland des Euro-Raums, ob zum Friseur, zum Bäcker, zum Fabrikbesitzer, zum Jungunternehmer, niemand will das Geringste von einer "Krise" gehört haben. In Brüssel-Europa wütet eine Grundsatzdebatte über Baufehler und Folgekosten der Währungsunion, über Ausstiegsoptionen gar – und was bewegt das einzige Euro-Beitrittsvolk 2011? Fragen grafischer Schönheit.

"Designmäßig", sagt Sigrid Valgma, "ist der Euro ja nicht so besonders gelungen." Die Kunsthandwerkerin hat einen kleinen Souterrain-Laden in der Altstadt von Tallinn. Sie hat kleine Pantoffeln aus Filz in den Schaufenstern. Die Esten glauben, dass zu Weihnachten Elfen durch die Wohnzimmer fliegen und diese mit Süßem füllen.

Designmäßig?

"Ja. Alle diese Brücken und Gebäude auf den Scheinen... Unsere Krone ist schon schöner, oder?" Sie zieht (in der Tat, recht anmutige) estnische Kronen-Scheine hervor und lässt die Motive von Nationaldichtern, Landschaften und Vögeln durch die Hände gleiten. Fragen wir also den Finanzminister.

Herr Finanzminister, haben die Esten Teile des vergangenen Jahres nicht mitbekommen?

"Welche Krise meinen Sie denn?", fragt Jürgen Ligi zurück."Wir wissen von keiner." Er lehnt sich zurück. Draußen an der Hochhausfassade seines Ministeriums hängt ein 25 Meter langes Plakat, es ist ein Geschenk der EU-Kommission."Euro – meie raha", steht darauf, der Euro, mein Geld. Mitte Mai 2010, der Euro-Rettungsschirm war gerade ein paar Tage alt, bescheinigte die Brüsseler Behörde, Estland habe die Kriterien, um den Euro einführen zu können, vollständig erfüllt. Zwar war im Krisenjahr 2009 die Wirtschaftsleistung des 1,4 Millionen-Einwohner-Landes um 13 Prozent eingebrochen und die Arbeitslosigkeit auf fast 20 Prozent gestiegen.

Trotzdem liegt die aktuelle Verschuldung Estlands bei etwa vier, das Haushaltsdefizit gar nur bei etwa 1,3 Prozent. Das sind Werte, von denen (mit Ausnahme Luxemburgs) alle anderen EU-Länder nur träumen können."Die Esten sind solche Musterschüler, das ist fast schon frustrierend", frotzelt ein EU-Diplomat in Brüssel. 55 Prozent der Esten halten laut Umfragen den Wechsel zum Euro für eine gute Sache.

"Es gibt eine Krise in bestimmten Ländern der Euro-Zone", bekräftigt Minister Ligi,"aber doch keine Euro-Krise." Rede etwa irgendwer von einer Dollar-Krise, nur weil Kalifornien pleite sei?

Aber der Euro 2011 ist doch nicht mehr derselbe Euro wie der Euro 2010. Das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit der Mitgliedsländer ist im vergangenen Jahr einer stärkeren Kollektivverantwortlichkeit gewichen. Die Starken bürgen für die Schwachen. Ändert das nicht die Geschäftsgrundlage?

Ligi lächelt. "Zunächst mal hat die Verantwortlichkeit zugenommen. Jeder wird am Ende seine Schulden selber zahlen müssen. – Wir würden Deutschland, auch wenn das jetzt ein bisschen laut klingt, gerne davon abhalten, in dieser Frage zu viele Kompromisse zu machen." Die estnische Regierung, sieh an, kann nicht nur nicht den Euro-Beitritt abwarten. Sie will auch das nordische Lager der Währungsunion stärken, sprich: jenen Staaten beispringen, die unter europäischer Solidarität vor allem eine Bringschuld derjenigen Volkswirtschaften verstehen, die bislang allzu verschwenderisch waren."Passen Sie mal auf", sagt ein Regierungsmitglied in Tallinn fast warnend, "wir sind deutscher als die Deutschen." Für andere zahlen, nur weil sie die notwendigen Reformen scheuen? Nicht mit den Esten.

Um diese Haltung besser zu verstehen, muss man wissen, dass Estland im Grunde so etwas ist wie eine Staat gewordene FDP. In einer von Milton Friedmans Werk und Margaret Thatchers Wirken inspirierten "Schocktherapie" schalteten die nationalen Reformer das Land nach der Unabhängigkeit 1991 von Plan- auf Marktwirtschaft um. Sie lösten sich – gegen den Rat der Weltbank – blitzartig aus der Rubel-Zone, koppelten ihre Krone an die D-Mark, führten eine Flat Tax von 23 Prozent und eine Unternehmenssteuer von null Prozent ein, sie sparten bei öffentlichen Ausgaben, um die Krone, Symbol der wiedergewonnenen Souveränität, auf investmentfreundlicher Höhe zu halten. Mit Erfolg. Skandinavische Investoren wie Ikea oder Nokia zogen nach Estland, um vom geringen Kosten- und Lohnniveau zu profitieren, Software-Startups schossen aus dem Boden.

Ein paar Hundert Meter vom Finanzministerium entfernt, die Suur-Ameerika in Richtung Hafen entlang, erheben sich glitzernde Büro- und Geschäftsneubauten aus altem Sowjetbunker-Panorama. Das finnische Edel-Kaufhaus Stockmann hat hier eine Dependance gebaut, es ist ein Spiegelbild des legendären Hauses in Helsinki. Die Gourmet-Abteilung ist gut besucht, trotz eines monatlichen Durchschnittseinkommens von 800 Euro.

Über all dem, im Restaurant im neunten Stock eines Nobel-Hotels, sitzt Jaan Tallinn, der Bill Gates von Estland. Der 38-jährige Softwareingenieur hat 2003 mit zwei Freunden das Internet-Telefonsystem Skype entwickelt. Zwei Jahre später kaufte ihnen Ebay die Technik ab. Seitdem sieht Jaan Tallinn zu, wie er sein Geld erhält und mehrt. "Ich wollte mich nicht auf die Banken verlassen. Die hätten es wahrscheinlich vernichtet", sagt er. Tallinn hat gerade einen 20-Stunden-Flug hinter sich, aus Silicon Valley. Dort und in New York trifft er regelmäßig Leute, um "Ideen zu sammeln". Nebenbei gehört er zu einer 20-köpfigen Gruppe, die den estnischen Präsidenten berät.

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  • Ein Schmarotzerland mehr! Würde es ihnen nicht dreckig gehen, dann würden sie nicht in die Eurozone eintreten! Oder denkt jemand in reichen Ländern wie Norwegen oder Schweiz an Euro-beitritt? Unsere Politiker sollten endlich begreifen, das 90% der Deutschen den Euro nicht wollen und er auch wirtschaftlich gesehen ein völlig unsinniges Projekt ist!!

  • Durch Steuer-Dumping die Firmensitze großer Unternehmen ins eigene Land holen. interessante "Geschäftsidee"! Mal schauen, ob Estland zum Netto-Zahler der EU wird. ich bezweifle das! Vermutlich läuft es so wie bei den anderen beitrittsstaaten: Die EU, also wir, vergeben großzügige Kredite, damit diese dann zum Teil wieder bei uns konsumiert werden. im Unterschied zu den anderen beitrittsstaaten fließen die Gewinne des Konsums dann aber durch das Steuer-Dumping wieder nach Estland. Einziger Verlierer bei der Sache: Deutschland

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