Waffenruhe mit der Hamas
„Frieden? Sie müssen zum Psychiater!“

In Israel glaubt kaum jemand an die Waffenruhe mit der Hamas. Zu oft haben die Bürger schon mit ansehen müssen, wie die Gewalt eskaliert. Der Frieden im Nahen Osten scheint prekär wie nie zuvor.

TEL AVIV. Waffenruhe? Schlomo Halevy hat für dieses Wort nur ein müdes Lächeln übrig: „Wir haben so ein dumpfes Gefühl, dass sich die Hamas schon in wenigen Tagen nicht mehr an ihre Zusagen halten wird“, sagt der Sprecher der südisraelischen Stadt Sderot. Denn Waffenruhen gab es schon früher, zuletzt vor zwei Jahren. Und trotzdem fielen in jener Zeit immer wieder Raketen auf den Ort, der wenige Kilometer außerhalb des Nordens des Gaza-Streifens liegt. Deshalb wurden jetzt die Sicherheitsvorkehrungen in Sderot nicht aufgehoben – das habe die Armee so befohlen. Und die wisse ja wohl Bescheid, wie ernst die Zusagen der Hamas gemeint seien, meint Halevy.

Gestern um sechs Uhr früh trat die Waffenruhe zwischen der radikal-islamischen Hamas und Israel in Kraft, die ägyptische Unterhändler vermittelt hatten. Sie soll vorerst sechs Monate gelten. Im Gegenzug für den Gewaltverzicht will Israel die Blockade des von der Hamas kontrollierten Gaza-Streifens in der kommenden Woche lockern. Ein schriftliches Dokument liegt allerdings nicht vor, alles beruht auf mündlichen Vereinbarungen. Entsprechend groß sind der Interpretationsspielraum und die Gefahr von Missverständnissen. Der israelische Militärexperte Danni Rotschild ist zudem überzeugt, dass die Hamas gar nicht in der Lage ist, kleine militante Gruppen von Terroranschlägen abzuhalten. Zudem hätten die radikalen Islamisten kein Interesse daran, Schmuggelaktivitäten zu unterbinden. So werden über ein ausgedehntes Tunnelsystem wohl weiter Waffen und Munition aus dem ägyptischen Sinai in den Gaza-Streifen gelangen.

In der Stadt Sderot, die monatelang dem Raketenhagel aus Gaza ausgesetzt war, blieb es gestern zwar ruhig. Das letzte Geschoss fiel am Mittwochnachmittag, 16 Stunden vor Beginn der Waffenruhe. „Aber das ist noch lange kein Grund zu Freudentänzen“, sagt Halevy. „Wir wissen, was uns morgen erwartet.“ Er ist überzeugt, dass die Hamas weiter Kassam-Raketen produziert: „Was die Hamas heute nicht abfeuert, lagert sie für später.“ Wer jetzt tatsächlich an friedliche Zeiten glaube, der sollte dringend in psychiatrische Behandlung gehen, meint ein Bürger in Sderot.

Vor dem Beginn der Kassam-Angriffe lebten 24 000 Israelis in Sderot. Die täglichen Raketeneinschläge haben viele zermürbt. 3500 Einwohner seien weggezogen, sagt Halevy. Das sei aber lediglich die offizielle Zahl. Vermutlich hätten noch einige mehr Zuflucht im Landesinnern gesucht, es habe sich wohl nicht jeder abgemeldet. Halevy rechnet nicht damit, dass in den nächsten Tagen viele zurückkommen werden: „Wer traut schon der Hamas?“

Das Misstrauen sitzt tief – und ist gegenseitig

Die Skepsis ist in Israel weit verbreitet. Drei Viertel der Bevölkerung rechnen nach einer Meinungsumfrage nicht damit, dass die Waffenruhe länger als ein paar Tage hält. Das Misstrauen sitzt tief – und ist gegenseitig. Auch in Gaza macht man sich nämlich wenig Hoffnung, dass Israel sich an das Abkommen halten und auf Militäraktionen verzichten wird: „Die Waffenpause wird in zwei Wochen in die Brüche gehen – so wie alle anderen zuvor“, sagt die 29-jährige Salwa in Gaza. „Das wird nicht von Dauer sein“, meint auch Amani Abu Rahmeh, eine Pharmakologin aus Gaza-Stadt.

Die Hamas habe zwar ein Interesse an einem Waffenstillstand, weil die Bevölkerung im Gaza-Streifen durch die Wirtschaftssanktionen erschöpft sei. Durch die Einwilligung in den Waffenstillstand hofften die Islamisten, die internationale Isolation zu beenden und die Wirtschaftsblockade durch Israel zu lockern, meint ein Politologe in Gaza. „Die Vereinbarung über die Waffenruhe ist ein Sieg der Palästinenser“, sagt denn auch Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri: „Dies ist eine notwendige Periode, um das Leiden unserer Menschen zu erleichtern.“ Zugleich appellierten die radikalen Islamisten an den Westen, den Boykott der Hamas aufzugeben und den Wahlsieg vom Januar 2006 endlich anzuerkennen.

Viele Palästinenser verfolgen die israelische Innenpolitik intensiv und glauben zu wissen, weshalb Israel dem Pakt zugestimmt hat. „Die Israelis haben nur aus Not die Waffenruhe akzeptiert, weil sie eine Regierungskrise haben“, sagt ein Lehrer aus Gaza. „Ich traue der Ruhe nicht, ich vertraue nur auf Allah.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%