Wahl in Australien
Ein Original und seine Kopie

Im Grunde ist es nur eine Frage des Alters: Am Sonntag entscheidet sich, wer Australien in den nächsten drei Jahren regieren wird. Doch selbst wenn mehr Australier für Oppositionschef Kevin Rudd stimmen werden, wird sich politisch kaum etwas ändern.

SYDNEY. Wer in die Seele des australischen Volkes blicken will, geht am besten zu Woolworths. An den Kassen der größten Einzelhandelskette des Landes offenbaren sich Australier in der persönlichsten Art – mit geöffneter Geldbörse voll mit Fotos von Auto, Hund, mindestens fünf Kreditkarten und einer Lotto-Dauerkarte.

Denn ob am Computer, im Pub oder im Spielsalon: Australier gehören zu den begeistertsten Spielern der Welt. Manche zocken sogar mit ihrer Existenz. Familien mit Schulden von 160 Prozent des Jahreseinkommens sind keine Ausnahme. Alles wird auf Pump gekauft: der Urlaub, das Auto, das Brot, die Busenvergrößerung. Nach zwölf Jahren Wirtschaftswachstum regiert der Konsumrausch in Australien.

Am Sonntag entscheidet sich, wer das Land in den nächsten drei Jahren durch den Boom führen darf: Premierminister John Howard, der seit 1996 regiert und wirtschaftlich eine beneidenswerte Bilanz hat, oder Kevin Rudd, der Chef der Labor-Opposition, der in den Umfragen seit Monaten mit komfortablen zehn Punkten vor Howard liegt. Wer auch immer siegt: Politisch verändern dürfte sich wenig in Australien. Denn der deutlichste Unterschied zwischen Rudd und Howard ist das Alter: Der Premier ist 68, Rudd 50 Jahre alt.

„Entspannt und komfortabel“ sollten sich die Australier fühlen, das hatte der konservative John Howard 1996 versprochen – und in weiten Teilen gehalten. Millionen Bürgern hat seine Laisser-faire-Politik zu Wohlstand verholfen, um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr wuchs die Wirtschaft seit 1996, und die Arbeitslosenrate fiel auf ein Rekordtief von vier Prozent. Aber John Howard hatte auch großes Glück. Kaum im Amt, begann zur Olympiade 2000 in Sydney ein Immobilienboom. Es folgte die Rohstoffhausse mit Rekordpreisen für Kohle und Eisenerz.

Dennoch droht der „ewige“ Boom indirekt der Strick zu werden, an dem die Ära von John Howard und seiner liberal-konservativen Regierungskoalition enden könnte. Zum einen treten die Schattenseiten des Booms immer offener zutage: Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer breiter. Dann ist da Howards „User pays“-Politik, nach der die Bürger für viele öffentliche Leistungen direkt zahlen müssen. Folge ist eine drastische Verschlechterung des Bildungs- und Gesundheitssystems.

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