Wahl in Brasilien
Lula II oder die Häutung des Präsidenten

Knapp 126 Millionen Stimmberechtigte sind am heutigen Sonntag in Brasilien zur Wahl des Staatspräsidenten aufgerufen. Obwohl die linksgerichtete Regierung seit 2005 von mehreren Korruptionsaffären erschüttert wurde, geht der 60-jährige Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva als haushoher Favorit ins Rennen. Die Gründe dafür sind schnell ausgemacht.

SAO PAULO. Manchmal sind es die kleinen Veränderungen, die den großen Wandel zeigen. Denn auf den ersten Blick ist Luiz Inácio Lula da Silva, 60, nach vier Jahren als Präsident Brasiliens immer noch der Gleiche: Er lispelt so stark wie damals. Er verwendet immer noch die oftmals schiefen Bilder aus dem Fußball, wenn er politisch Komplexes darstellen will. Man nimmt ihm weiterhin vieles ab. Etwa wenn er jetzt im Wahlkampf für ein zweites Mandat in der Peripherie von São Paulo mit seinem röhrenden Bass erklärt, dass die Reichen seines Landes gar nicht wissen, was Zahnschmerzen sind, und er früher mit Zuckerrohrschnaps gegurgelt habe, weil er sich die Behandlung beim Arzt nicht leisten konnte.

Und doch steht da ein anderer Lula auf der Tribüne als vor vier Jahren. Er hat abgenommen für den Wahlkampf. Sein Kopf schwillt nicht mehr rot an bei seinen Reden. Der Anzug sitzt wie angegossen. Er trägt ihn inzwischen wie selbstverständlich und sieht nicht mehr aus wie reingezwängt. Die grau-schwarzen Haare kleben nicht verschwitzt am Kopf, sondern sind toupiert. Der Vollbart ist sorgsam gestutzt. Selbst die Falten im Gesicht sind weniger geworden – glaubt man der Klatschpresse, dann hat er für den Wahlkampf mit Botox nachgeholfen.

Es sind diese vielen Kleinigkeiten, welche die Veränderungen zeigen. Denn wieder hat sich Lula gehäutet und ist in eine neue Rolle geschlüpft: Aus dem Gewerkschaftsführer und Gründer der Arbeiterpartei ist nach vier Jahren in Brasilia ein Politprofi geworden, der sich immer weniger von den anderen Politikern des Landes unterscheidet. Lula II – das ist nicht mehr der ehemalige Schlosser, der sich stolz mit Frau Marisa auf die Lederpolster im turnhallengroßen Empfangszimmer des Präsidentenpalastes setzt.

Lula II ist ein hellwacher Kopf, der gelernt hat, dass er sich ständig ändern muss, um überleben zu können. Der keinen Augenblick zögert, seine Ideologie, seine Partei, seine Companheiros loszuwerden, wenn sie ihn am Regieren hindern. Abwerfen, hinter sich lassen, nicht mehr umdrehen – so ist er als Politiker erfolgreich. Wer hätte noch vor einem Jahr inmitten zahlreicher Korruptionsskandale gedacht, dass Lula am Sonntag schon im ersten Wahlgang gewinnen könnte? Dass fast die Hälfte der Brasilianer seine Regierung für „gut“ oder „sehr gut“ hält?

Die Basis für die hohe Popularität hat Lula vor vier Jahren selbst geschaffen – mit einer 180-Grad-Drehung, die viele Anhänger in seiner Arbeiterpartei schwindlig werden ließ: Statt den Staat als Motor der Wirtschaft einzusetzen, wie es viele erwartet hatten und Lula selbst immer gefordert hatte, zog er die Stellschrauben in der Haushalts- und Geldpolitik an, um das Vertrauen der Finanzmärkte zu gewinnen: Mit einer kompromisslosen Hochzinspolitik zwingt er seitdem die Inflation nach unten. Rigide kontrolliert er auch den Haushalt. Ohne Berücksichtigung der Zinsausgaben, eine Altlast der Vergangenheit, erwirtschaftet seine Regierung von Beginn an einen Überschuss von 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. So ist es gelungen, die Auslandsschulden im Vergleich zu 2003 um die Hälfte zu reduzieren.

Eigene Akzente setzte Lula in der Sozialpolitik. „Fome-Zero“ nannte er seine Kampagne gegen den Hunger. „Jeder Brasilianer soll zweimal am Tag ein Essen auf den Tisch bekommen“, forderte er. Inzwischen ist die Kampagne still und leise in das von seinem Vorgänger übernommene Sozialprogramm „Bolsa Familia“ eingegliedert worden. Heute ist sie nichts anderes als Sozialhilfe für die 40 Millionen Armen des Landes. Die bekommen je nach Kinderzahl und Einkommen monatlich einen Betrag. Nicht viel Geld ist das, umgerechnet bis zu 20 Euro. Doch bar auf die Hand garantiert diese Summe den Familien das tägliche Gericht aus Bohnen, Reis und Maniokmehl.

Die Elite rümpft die Nase: nicht nachhaltig sei das. Die politische Vetternwirtschaft würde gefördert. Ein Teil der Gelder erreiche wegen der Korruption gar nicht die Bedürftigen. Doch insgeheim ärgern sich die Politiker in der Opposition, dass Lula mit so wenig Geld so effizient seine politische Basis aufgebaut hat. Tatsächlich wählen die Armen Brasiliens nahezu geschlossen Lula, weil sie fest mit den monatlichen Überweisungen des Präsidenten rechnen.

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