Wahl in Brasilien: Lulas Wunschkandidatin droht beispiellose Schlammschlacht

Wahl in Brasilien
Lulas Wunschkandidatin droht beispiellose Schlammschlacht

Eigentlich galt ihr der Wahlsieg gleich im ersten Wahlgang als sicher: Lange lag Dilma Rousseff, die frühere Leiterin des Präsidialamtes von Luiz Inácio Lula da Silva, in den Umfragen bei über 50 Prozent. Doch nun hat sich der Trend gewendet. Wer Lulas Wunschkandidatin das Leben schwer machen könnte.
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SÃO PAULO. José Serra, mehrmaliger Gouverneur und Bürgermeister São Paulos, und Marina Silva, Ex-Umweltministerin und Kandidatin der Grünen, gewinnen an Fahrt. Silva verbesserte sich von zehn auf 16 Prozent und liegt gemeinsam mit Serra nur knapp hinter „Dilma“, wie Lulas Wunschkandidatin hier knapp genannt wird.

Zwar gilt Rousseffs Sieg im zweiten Wahldurchgang als höchst wahrscheinlich. Doch die drei Wochen bis dahin dürften zu einer beispiellosen Schlammschlacht werden. Rousseff musste in den letzten Wochen mit Korruptionsberichten kämpfen. So trat ihre Nachfolgerin im Präsidialamt, die sie selbst ausgesucht hatte, zurück, weil ihr Sohn für die Vermittlung staatlicher Kredite Kommissionen kassierte. Zuvor hatten Schnüffler der Regierungspartei PT die Steuerkonten der oppositionellen Kandidaten durchstöbert – auf der Suche nach Beweisen für Steuerhinterziehung. Dadurch kamen den Wählern die zahlreichen Korruptionsskandale der Regierung Lula vor vier Jahren in Erinnerung, die damals zum Rücktritt fast aller PT-Führer aus der Regierung geführt hatten – und zum Aufstieg Dilma Rousseffs als neuer Leiterin des Präsidialamtes.

Rousseff gilt als farblos

Doch inzwischen nervt auch der permanente Wahlkampf Lulas für seine Nachfolgerin die Bevölkerung. Der Präsident wirbt für seine Kandidatin bei jedem möglich Anlass – obwohl er von Amts wegen nur beschränkt für einen Kandidaten werben darf und schon mehrfach vom Wahlgericht bestraft wurde. Doch mit einer Popularitätsrate von 80 Prozent zeigt Lula, dass ihm Justiz, Presse und Gewaltenteilung egal sind – solange es seiner Kandidatin nützt. Doch gerade wegen der massiven Unterstützung durch Lula fragen sich die Brasilianer immer öfter, was sie von der farblosen Dilma eigentlich erwarten sollen, außer der immer vorgetragenen nebulösen Kontinuität.

Dagegen kann Marina Silva mit den Sympathien derjenigen rechnen, die bisher Lula gewählt haben, aber nicht von dessen Marionette Rousseff überzeugt sind. Das liegt einerseits an ihrer Biografie: Die 51-jährige wuchs in ärmlichen Verhältnissen einer Gummizapferfamilie im Amazonas auf. Sie lernte erst als Erwachsene lesen und schreiben. Als Gewerkschafterin baute sie die Arbeiterpartei im Amazonas auf und wurde 1994 als jüngste Senatorin nach Brasília gewählt.

Sie hat also eine ähnliche Biografie wie Lula, der als Hungerflüchtling und Schuhputzer bis zum Präsidenten aufgestiegen ist – nur gilt sie als integer. Sowohl mit Lula als auch mit Silva können sich viele ärmere Brasilianer identifizieren – aber auch die städtische Mittelschicht.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

Kommentare zu " Wahl in Brasilien: Lulas Wunschkandidatin droht beispiellose Schlammschlacht"

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  • So. Um noch genauer zu sein, der bericht ist falsch.

  • "Pesquisa ibope/CNi concluída na segunda não confirma tendência de queda de Dilma Rousseff (PT) e mostra a petista com 55% dos votos válidos" -- das heisst: "Die am Montag zu Ende geführte Umfrage des instituts ibope bestätigt NiCHT die negative Tendenz der Kanditatur Dilma Roussefs (PT) und schreibt ihr 55% der gültigen Stimmen." Die Nummer von 51% wurde nur von Datafolha mitgeteilt. Ein drittes institut (Sensus) widerspricht dem Datafolha auch. Ausserdam ist Datafolha das institut der Zeitschrift Folha de S. Paulo, die grösste brasiliens. Diese Zeitschrift konnte selbstverständlich keine gleichgewichtige Nachritenberichterstattung der Präsidentenwahl vorführen. Und das ist nicht das erste Mal, dass Datafolha "abweichende Daten" präsentiert...

  • in beiden Umfragen kommt Dilma Rousseff auf 51% der gültigen Stimmen (abzüglich leere und ungültige). Am Donnerstag steht die letzte Fernsehdebatte an, und grosse Wahlkampfveranstaltungen gibts keine mehr. So sicher, wie es lange schien, ist Dilmas Sieg im ersten Wahlgang also nicht mehr. Ob ibope vertrauenwürdiger ist als Datafolha sei dahingestellt. beide institute arbeiten nach wissenschaftlichen Grundsätzen, mit der gleich grossen Stichprobe und mit einer Fehlerquote von 2%.

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