Wahl in Frankreich
Die Rache der Kleinen

Viel versprochen, nichts gehalten - Frankreich hat nicht nur von Nicolas Sarkozy genug. Ein politischer Reisebericht aus dem Nachbarland, das seinem Präsidenten bei der Wahl heute die Rechnung präsentiert.
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Michel Sieurin beugt sich vor, legt den Hammer aus der Hand und senkt die Stimme: „Vor fünf Jahren habe ich Nicolas Sarkozy gewählt, heute ist mir das peinlich. Ich fand den Slogan gut: Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen. Aber für die kleinen Leute hat er nichts getan, er ist der Präsident der Reichen.“ Die Tür zur kleinen Werkstatt öffnet sich, eine alte Dame bringt ihre Schuhe zur Reparatur. Seit 25Jahren ist Sieurin der Schuster von Montivilliers, einer nordfranzösischen Kleinstadt in der Nähe von Le Havre.

„Der Antisarkozysmus ist ein Phänomen der Pariser Elite“, hatte Carla Bruni-Sarkozy unlängst behauptet. So steht es auch in der regierungsfreundlichen Presse: Die Pariser Literaten und Journalisten und Intellektuellen seien gegen Sarkozy, aber die „schweigende Mehrheit“ da draußen, die denke anders. Das erzählt auch der Betroffene selbst, der - Überraschung! - auf Reisen in die Provinz auf lauter Fans trifft. Aber vielleicht hätte Sarkozy mal mit jemandem wie dem Schuster von Montivilliers reden sollen.

Der 56-jährige Sieurin war als junger Mann Metallarbeiter, organisiert in der klassenkämpferischen Gewerkschaft CGT, „und 1981, als mit Mitterrand die Linke an die Macht kam, hatte ich Wunder erwartet“. Die Linke ging, der Kapitalismus blieb. Sieurin sah noch vieles vergehen. Seine Träume von einer solidarischen Gesellschaft. Seinen Job als Autoschlosser und mit ihm Tausende andere Industriearbeitsplätze in der Region. „Jetzt, in der Krise, geht das wieder los. Außerdem schließen die Läden, der Blumenhändler ist schon weg.“

Am 22. April stimmen die Franzosen darüber ab, wer Präsident werden soll, am 6. Mai ist Stichwahl. Michel Sieurin wird vielleicht leere Stimmzettel abgeben. Der Sozialist François Hollande ist für ihn „auch bloß ein Liberaler“ - das Wort bezeichnet in Frankreich den verhassten Wirtschaftsliberalismus. Der stramm linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon ist dem Schuster zu aggressiv, und die radikalen Nationalisten der Marine Le Pen kommen prinzipiell nicht infrage. Für manche meiner Freunde schon“, sagt Sieurin. „Die sind wütend und wollen das zeigen. Faschisten sind sie nicht.“

Montivilliers hat 16700 Einwohner und ist ein Städtchen wie viele andere. Nach Paris fährt man zweieinhalb Stunden, aber kulturell gesehen liegt die Hauptstadt Lichtjahre entfernt. Paris, das ist öffentliche Konfrontation, Debatte allenthalben, ein nervöses Zentrum. Das Frankreich der Provinzen hingegen tickt anders. Hier bilden sich Meinungen im Stillen, im Kreis der Familie, Freunde, Vereine. Hier zählt das Wort des Lehrers, des Arztes, des Anwalts. Dieses Frankreich wird die Wahl entscheiden.

Die Geografie des Landes verändert sich. Geringverdiener und Langzeitarbeitslose ziehen in die Kleinstädte und aufs Land. In den Großstädten haben sie oft nur die Wahl zwischen teuren Wohngegenden und unsicheren Ghettos; in ihrer neuen Welt kommt es schlimmstenfalls so: ein kleines Haus auf Pump, Gärtchen für Obst und Gemüse, zu Monatsbeginn Sozialhilfe, am Monatsende Armenküche, aber immerhin kann man sich abends überall auf die Straße wagen. „Hier ist es ruhig“, lautet die erste Antwort, fragt man Einwohner von Montivilliers nach Pluspunkten ihres Wohnorts.

Kommentare zu " Wahl in Frankreich: Die Rache der Kleinen"

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  • Antwort auf "22.04.2012, 20:55 UhrAnonymer Benutzer: Romantiker"

    Auch ich teile Ihre Auffassung zu 100%

  • Europaweit sehnen sich die Leute nach der Vor-Eurozeit zurück. Nicht immer die gute, alte Zeit, aber eine Zeit in der die Nationalstaaten mit ihren Währungen durch Auf- oder Abwertungen Impulse setzen konnten.

    Dank Euro und defizitärer PIGS Staaten kennt die Inflation nur eine Richtung. Nämlich ganz weit nach oben. Das Schulterzucken der herrschenden Politikerkaste wird eine ganz bestimmte politische Richtung mehrheitsfähig machen (Stichwort Weimarer Republik).

    Auf den Luxus im Urlaubsland mit der eigenen Währung zahlen zu können oder ohne Grenzkontrollen reisen zu können in der Schengen Zone kann ich gut verzichten. Das grosse Europa bringt für die meisten nur Verarmung.

  • Ich teile die Ihre Analyse!

    Die derzeitigen Parteien bilden den Nährboden für den braunen Sumpf. Es besteht die akute Gefahr, dass die Wähler ausschließlich den Wechsel, kein Parteiprogramm, keinen Kandidaten mehr wählen.

    Wir sehen es schon an den Erfolgen der Piraten-Partei. Sie scheint nur noch mit schmutzigen Mitteln zu stoppen zu sein.

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