Wahl in Indien
Wut drängt Manager in die Politik

Der Terrorangriff auf Bombay hat die politisch bislang uninteressierte Mittelschicht in Indien wachgerüttelt. Kandidaten aus der Wirtschaft mischen die etablierten Parteien auf.

BOMBAY. Die Frage nach dem "Warum" muss Meera Sanyal täglich hundertmal und mehr beantworten. Morgens früh um sieben, wenn sie an die Jogger in Bombays gepflegtem Priyadarshini Park Flugblätter mit ihrem Konterfei verteilt, mittags beim Besuch einer Suppenküche im Slum Ambedkarnager, abends auf den Straßen des heruntergekommenen Muslimviertels Nagpada. Warum verlässt eine erfolgreiche Bankerin, Chefin der indischen Tochtergesellschaft von ABN Amro, ihren Job, um als Außenseiterin bei den Parlamentswahlen zu kandidieren?

"Der Schock des 26. November war der Auslöser", sagt Sanyal (47), und jeder in Bombay weiß, wovon sie spricht. Am 26. November griffen islamistische Terroristen Bahnhöfe und Luxushotels in der Stadt an. Drei lange Tage brauchten Polizei und Armee, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Mehr als 170 Menschen starben - auch ein Kollege Sanyals.

Das Ereignis hat Indien traumatisiert. Und es beginnt eine urbane Elite aufzurütteln, die bislang die nationalen Wahlen als weitgehend folgenloses Ritual abgetan hat. Denn die Bedrohung durch Terrorismus und wachsende ethnische Konflikte hat der gut ausgebildeten Mittelschicht in den boomenden Wirtschaftszentren vor Augen geführt, dass auch sie für ihre Sicherheit auf einen funktionierenden Staat angewiesen ist. Neue politische Gruppierungen stellen sich zur Wahl, als Anwalt einer von den etablierten Parteien vernachlässigten Wählerklientel. Geschäftsleute und Manager tauschen das klimatisierte Büro gegen die Mühen der Straßenkampagne und werben für ihr politisches Alternativprogramm.

Tausend Kilometer südöstlich, in Indiens Technologiezentrum Bangalore, ist für Gorur Ramaswamy Gopinath heute der Tag der Entscheidung. "Capitain Gopi" wie die Inder den Gründer der ersten indischen Billig-Airline Air Deccan liebevoll nennen, kandidiert für Bangalore Süd, einen der 140 Wahlkreise, die heute in der bis 13. Mai dauernden Parlamentswahl ihren Abgeordneten bestimmen. Auch Gopinath sagt, der Terrorangriff auf Bombay habe ihn "aufgeweckt". Dazu die Untätigkeit der Polizei bei Übergriffen fundamentalistischer Hindus auf Frauen, die Bars besuchen oder westliche Kleidung tragen.

"Jeder von Euch kann das nächste Opfer solcher Attacken sein", warnt Gopinath Bangalores gut verdienende "IT-Techies" bei seinen Wahlkampfauftritten vor den Toren der Firmenzentralen von Infosys, Oracle und SAP. Der 57-Jährige, der wie Sanyal ohne den Rückhalt einer Partei ins Rennen geht, beklagt das politische Desinteresse von Indiens jungen Aufsteigern. Sie leisten sich Autos, reisen ins Ausland und schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen, aber sie sind noch nie in ihrem Leben zur Wahl gegangen. Bei der letzten Parlamentswahl 2004 betrug die Beteiligung in Bangalore nur 47 Prozent. Auf dem Land, wo zwei Drittel der Wähler leben, liegt sie im Schnitt über 60 Prozent.

Doch das Argument der städtischen Eliten, sie seien eine Minderheit und könnten deshalb mit ihrer Stimme an der Misswirtschaft des Staates, an seiner verfehlten Antiterror- und Wirtschaftspolitik nichts ändern, hält Gopinath für falsch. "Es ist die Gleichgültigkeit der Nichtwähler, die dieses System geschaffen hat", sagt er.

Weil Kastenzugehörigkeit und Religion seit jeher die Wahlen in Indien entschieden haben, bildete sich nie eine Partei der Mittelschicht heraus. Aber das beginnt sich zu ändern. Erstmals tritt in fünf Bundesstaaten eine Lok Satta genannte Partei an, die mit ihrem liberalen Programm die wachsende Zahl gut ausgebildeter Angestellter in der Privatwirtschaft ansprechen will. Die kleine Professionals Party of India (PPI) geht in Bombay auf Stimmenfang. Die Programme der Politikneulinge ähneln sich. Sie wollen gegen die notorische Korruption in den etablierten Parteien vorgehen, das ineffiziente Bildungssystem reformieren, eine ineffiziente Subventionspolitik korrigieren. Und sie haben - was in Indiens Politik nicht selbstverständlich ist - eine weiße Weste. Gegen 125 der 2004 gewählten 543 Parlamentsabgeordneten liefen Strafverfahren, darunter wegen Kapitalverbrechen wie Mord, Totschlag und Vergewaltigung.

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