Wahl in Nigeria
Bombenanschläge im Wahllokal

Nigeria wählt ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten. Die Wahlen gelten als wichtiger Test für die Demokratie des Land. Doch Korruption, Chaos und Gewalt überschatten die Abstimmung.
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AbujaWenn es um große Versprechungen geht, sind Nigerias Politiker nicht zu schlagen. An guten Vorsätzen hat es in dem westafrikanischen Öl-Staat jedenfalls noch nie gemangelt. Auch nicht vor dem Superwahlmonat April: Nichts sollte an die verschiedenen Wahldebakel erinnern, die das Land seit dem Ende der Militärherrschaft vor 12 Jahren bereits erlebt hat, versprach Nigerias Präsident Goodluck Jonathan noch letzten Monat voller Zuversicht. An drei aufeinanderfolgenden Wochenenden sollten die Nigerianer im April zur Urne schreiten, um zunächst das Parlament, dann den Präsidenten und schließlich auch noch die Gouverneure der 36 Bundesstaaten zu bestimmen.

Doch schon gleich zum Auftakt am 2. April wurde wieder einmal deutlich wie groß die Diskrepanz zwischen Realität und Anspruch noch immer ist: Trotz eines Rekordbudgets für die neue unabhängige Wahlkommission und eines völlig überarbeiteten Wählerregisters wurde der Startschuss zum Wahlmarathon von dem obligatorischen Chaos überschattet. Vielerorts fehlten Stimmzettel und Wahlhelfer. So groß war das Durcheinander, dass sich der Vorsitzende der Wahlkommission, Attahiru Jega, schließlich gezwungen sah, die Parlamentswahl im ganzen Land abzubrechen - und am 9. April neu anzusetzen. Statt eines neuen Präsidenten wurde zunächst ein neues Parlament gewählt. Die Präsidentschafts- und Gouverneurswahlen sollen, vorausgesetzt alles läuft nach Plan, am nächsten und übernächsten Wochenende folgen. Die Wahl des Präsidenten gilt als wichtiger Test für die Demokratie im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Mit seinen rund 140 Millionen Einwohnern ist der Vielvölkerstaat eine regionale Großmacht - und hinter Südafrika die zweitgrößte Volkswirtschaft südlich der Sahara.

Nach Ansicht des nigerianischen Beobachters Mohammed Jameel Yushau ramponieren die neuerlichen Verzögerungen die Glaubwürdigkeit der Wahlkommission. Um die üblichen Wahlfälschungen diesmal zu vermeiden, sollte das Aussehen der Stimmzettel eigentlich bis zuletzt geheim bleiben. Durch die zunächst aufgenommene und dann auf halber Strecke abgebrochenen Parlamentswahl haben die Politiker die Zettel nun jedoch gesehen - und können jetzt womöglich Fotokopien davon anfertigen, mit denen sie die Wahlurnen füllen.

Auch kam es wieder zu Anschlägen: Am Freitag, einen Tag vor der Parlamentswahl, wurden bei Anschlägen mehr als ein Dutzend Menschen getötet. Wie im Rest des Kontinents haben Wahlen in Afrika Auswirkungen bis in die kleinste Verästelung der Gesellschaft, weil es letzten Endes darum geht, wer in den nächsten Jahren an den Fleischtöpfe des Staates gelangt: Viele Politiker setzen deshalb hier auf massive Wahlfälschungen und Einschüchterungstaktik durch gekaufte Schläger statt auf freie und faire Wahlen.

Als Favorit gilt auch diesmal der amtierende Präsident Goodluck Jonathan und seine People's Democratic Party (PDP). Sie hat bislang alle Wahlen seit dem Ende der Militärherrschaft im Jahre 1999 gewonnen. Der Grund: Das Wahlsystem begünstigt den Amtsinhaber, weil dieser Zugriff auf die gewaltigen Öleinnahmen hat - und Geld, Kontrakte und Posten verteilt. Jonathan hatte das Land im Mai letzten Jahres nach dem Tod des muslimischen Präsidenten Umaru Yar´Adua übernommen. Allerdings hat Jonathan, ein ehemaliger Zoologe, der durch viele Zufälle an die Staatsspitze gelangte, dabei eine wichtige Absprache gebrochen: Danach sollte die Präsidentschaft innerhalb der Regierungspartei eigentlich erst nach zwei Amtszeiten zwischen dem muslimischen Norden und christlichen Süden wechseln. Der PDP dürfte es entsprechend schwer fallen, die Wähler im Norden, die rund die Hälfte der fast 74 Mio. Wahlberechtigten stellen, für sich zu gewinnen.

Kein Wunder, dass sich die beiden Gegenkandidaten aus dem Norden diesmal bessere Chancen ausrechnen, der Regierungspartei Stimmen abzujagen. Jonathans Hauptrivale ist Muhammadu Buhari, ein frührer Militärherrscher, der viel Unterstützung für seine Kampagne gegen Disziplinlosigkeit erhielt, als er 1983 für nur 18 Monate die Macht übernahm. Seine Amtszeit gehörte zu den wenigen Abschnitten in den 50 Jahren seit der Unabhängigkeit des Landes, in denen der Staat ernsthaft gegen korrupte Politiker und Drogenbosse vorging. Dies hat Buhari vor allem unter den ärmeren Menschen im Norden starken Zulauf beschert. Der andere größere Rivale ist Nuhu Ribadu, der ebenfalls aus dem Norden stammt und früher Chef der Anti-Korruptionsbehörde war. Er ist der jüngste Kandidat und gilt zusammen mit seinem Vize, einem Banker aus dem Süden, als besonders progressiv. Seine Hauptunterstützung kommt aus der kleinen nigerianischen Mittelklasse. Die meisten Beobachter prophezeien eine Stichwahl zwischen Jonathan und Buhari - und am Ende einen Sieg des gegenwärtigen Staatschefs. Weit schwerer dürfet es für die Regierung jedoch werden, die Kontrolle über die 27 von ihr gehaltenen Bundesstaaten zu behalten. Dabei wird Jonathan die Unterstützung dieser mächtigen Gouverneur brauchen, um seine ehrgeizigen Reformpläne umzusetzen.

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