Wahlchaos in Schottland
Blairs Labour entkommt knapp der Wahlkatastrophe

Schotten müssen weiter auf das Ergebnis ihrer Regionalwahl warten: Zehntausende von Wahlzetteln wurden falsch ausgefüllt, die Auszählung in vielen Wahlkreisen suspendiert. Bei Wahlen im ganzen Land hat Labour die erwartete Schlappe erlitten. Die Konservativen sind auf dem Vormarsch.

LONDON. Schottlands Nationalistenpartei SNP gibt sich schon als Wahlsieger – auch wenn alles auf ein knappes Ergebnis bei den schottischen Parlamentswahlen hindeutet. „Der Wind des Wandels bläst durch das Land“, erklärte Parteichef Alex Salmond, der mit einer riskanten Kandidatur im Direktwahlkreis Gordon einen Liberaldemokraten aus dem Felde schlug. Aber viele seiner Parteifreunde mussten am Freitag auf das Ergebnis in ihren Wahlkreisen warten.

Bis Mittag waren ein Drittel der schottischen Sitze immer noch nicht ausgezählt. Automatische Zählmaschinen funktionierten nicht, die Auszählungen mussten in der Nacht abgebrochen und am Freitag Morgen neu begonnen werden. Schlimmer ist, dass mehr als 100 000 Wähler die komplizierten Wahlzettel falsch ausfüllten, weil sie hinter Namen Kreuze machten, statt Ziffern mit ihrer Präferenz einzutragen. „Zehntausende werden ihrer demokratischen Stimme beraubt, das ist unakzeptabel“, wetterte Salmond. Die Wahlkommission kündigte eine Untersuchung an. Mit einer Anfechtung der Wahl muss nun gerechnet werden.

Salmonds Wunsch, Labour mit seiner SNP als stärkste Partei abzulösen, eine Regierung zu bilden und Schottland in die Unabhängigkeit zu führen, scheint nicht in Erfüllung zu gehen. Nach den bisherigen Auszählungen liegen SNP und Labour gleichauf. Die Chancen von Schottlands Labourchef Jack McConnell, mit einer Koalitionsregierung weiterzumachen, sind damit gestiegen.

Auch bei Regionalwahlen in England und in Wales hätte es für Labour „schlimmer kommen können“, wie Innenminister John Reid meinte. Nach Hochrechnungen der BBC konnte Labour seinen Gesamtstimmenanteil gegenüber Gemeindewahlen im letzten Jahr um einen Prozentpunkt von 26 auf 27 erhöhen. „Das ist eine gute Basis für ns die nächste Unterhauswahl zu gewinnen“, erklärte Tony Blair. Es war sein letzter Wahlkampf für Labour, Nächste Woche wird er den Zeitplan für seinen Abgang bestätigen.

Doch die Konservativen liegen 14 Prozentpunkte vor Labour und haben mit einem Stimmenanteil von 41 Prozent eine wichtige Marke übersprungen: Sie liegen nun in dem Bereich, in dem sie eine Unterhauswahl gewinnen könnten. Die Verlierer der Wahl sind die Liberaldemokraten. Zu ihren Lasten geht die Renaissance der Konservativen .

In Wales hat Labour das schlechteste Wahlergebnis seit 1918 und muss sich mit nur 26 der 60 Parlamentssitze nach einem Koalitionspartner umschauen. Labour hat die Mittelklassenwähler im Süden Englands verloren, wo die Konservativen, wenn alles ausgezählt ist, an die 500 zusätzliche Gemeinderatssitze erobert haben dürften.

Hier, im wohlhabenderen Süd- und Südwestengland eroberte Tony Blair 1997 die Macht, indem er konservative Wähler hinter sich . Sie noch einmal zurückzugewinnen, wird die Aufgabe von Gordon Brown, Blairs wahrscheinlichem Nachfolger. Aber das wird nicht einfach, denn seine Steuerpolitik ist einer der Hauptgründe für die Unzufriedenheit dieser Wählergruppe.

Umgekehrt können die Konservativen keine Unterhauswahl gewinnen, ohne in den alten Industrieregionen Nordenglands Fuß zu fassen. „Wir haben fantastische Erfolge im Norden“ erklärte Parteichef David Cameron. Aber in den großen Zentren wie Liverpool und Manchester schafften die Tories den Durchbruch nicht.

Zum erstenmal seit 1997 ist die politische Landschaft Großbritanniens wieder völlig offen.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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