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Haiti – Land ohne Hoffnung

Wenn Daniel Ladouceur von seiner Arbeit in Haiti berichtet, fehlen ihm manchmal die Worte. Dann greift der Entwaffnungsexperte der Vereinten Nationen zu Stift und Papier und zeichnet auf, was ihm seine Aufgabe so schwer macht.

PORT-AU-PRINCE. Er malt kleine und große Kreise auf ein weißes Blatt, verbindet diese mit Linien, streicht manche Verbindung wieder durch, zwängt noch ein paar Kreuze in die Ecken und sagt schließlich: Haiti sei mit nichts zu vergleichen.

„In Slums wie Cité Soleil gibt es Dutzende schwer bewaffneter, äußerst mobiler Gangs“, erläutert Ladouceur seine Zeichnung. Kommt ein Politiker und bezahlt die Gangs für seine Zwecke oder wird ein Bandenchef erschossen, verändere sich das Gefüge manchmal über Nacht. Die Konstellation, wer jetzt als Freund und wer als Feind angesehen werden müsse, sei auf einmal eine ganze andere. „Plötzlich redet derjenige nicht mehr mit uns, mit dem wir gestern noch die Abgabe seiner Waffen ausgehandelt haben“, erzählt der Uno-Mitarbeiter. „Das ist komplexer als Afrika, das ist wie eine Favela in Rio de Janeiro.“

Ladouceur weiß genau, wovon er spricht, denn er kennt beinahe jeden Krisenherd dieser Welt: Ruanda, Sierra Leone, Liberia, Bosnien. Fast überall hat der 36-jährige Kanadier für die Uno Pistolen und Gewehre eingesammelt. Aber in Haiti, dem karibischen Krisenstaat, gerät auch er an seine Grenzen. Kaum einer der Pläne greift, die Ladouceur und seine Experten in ihren klimatisierten Büros im Uno-Hauptquartier in Port-au-Prince entwickeln, um die 200 000 Waffen sicherzustellen, die es in dem Land von der Größe Brandenburgs geben soll.

Was Ladouceur exemplarisch für Cité Soleil, das gefährlichste Armenviertel der Hauptstadt Port-au-Prince, gezeichnet hat, gilt für das gesamte Land: Jeder mit jedem, jeder gegen jeden und vor allem keiner für den anderen – das ist das vorherrschende Prinzip in dem wirtschaftlich ruinierten, von bewaffneten Gangs terrorisierten Land. So geht das bereits seit der Unabhängigkeit vor mehr als 200 Jahren.

Daran hat sich auch zwei Jahre nach dem Sturz des diktatorisch regierenden Präsidenten Jean-Bertrand Aristide nicht viel geändert. Jetzt sollen Wahlen dem Land aus der Krise helfen – am 8. Januar wird über den neuen Staatschef abgestimmt. Doch kaum jemand hat die Hoffnung, dass sich die Situation dann bessert, der künftige Präsident auch nur in Ansätzen für Stabilität in der Chaos-Republik sorgt.

Allein seit Diktator Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier 1986 ins Exil floh, hat Haiti zwölf Präsidenten verschlissen. Kaum einer erreichte das Ende seines Mandats, manche regierten nur Tage. Und so empfinden viele Haitianer, dass die Demokratie die politische Instabilität nur erhöht und das wirtschaftliche und soziale Elend vertieft hat. Haiti, einst blühendste Kolonie der Welt und Quelle scheinbar unerschöpflicher Reichtümer, ist heute der ärmste Staat der westlichen Hemisphäre. Ein Land ohne funktionierende Institutionen, fast ohne Straßen und Strom. Wenn über Port-au-Prince die Sonne untergeht, gehen die unzähligen Müllberge in Flammen auf, und der Gestank verbreitet sich im großen Umkreis. Der brennende Unrat taucht die Zwei-Millionen-Stadt in ein apokalyptisches Licht.

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