Wahlen im Iran
„Ich will wieder in der Welt respektiert werden“

Es ist ein strahlend blauer Freitag in Teheran. Seit dem frühen Morgen drängen sich die Menschen an den Wahllokalen der iranischen Hauptstadt. Im Norden, dort wo es italienische Eiscafés und Designer-Boutiquen gibt und BMWs herumfahren, ist die Wechselstimmung im Land zu spüren. Hier ist die Hochburg der Mussawi-Fans.

HB TEHERAN. 46 Millionen Iraner, davon acht Millionen allein in Teheran, stimmen heute über das Schicksal von Präsident Mahmud Ahmadinedschad ab. Gelingt dem Herausforderer Mir Hussein Mussawi die Sensation? Es wäre eine Weichenstellung für die Entwicklung des Mullah-Staats. Beobachter rechnen mit einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent, das wäre Rekord seit der Islamischen Revolution von 1979. Auch vor der Moschee im Shahre-Rey-Viertel im Süden hat sich eine Schlange von mehreren hundert Metern gebildet. Hier leben viele Unterprivilegierte und Arme, eine wichtige Basis für Ahmadinedschad. Ausgerechnet hier gibt der führende Oppositions-Kandidat Mir Hussein Mussawi seine Stimme ab.

Punkt 10.30 Uhr kommt der 68-Jährige durch das Haupt-Portal. „Mussawi-Mussawi“-Rufe hallen durch den Innenhof. Ein riesiger Pulk der nationalen Fernsehsender umgibt den kleinen grauhaarigen Mann. Den Blick gesenkt, mit stoischem Blick geht er durch die Menge. Rechts neben ihm läuft seine Frau Zahra Rahnavard. Sie trägt gemäß der islamischen Kleiderordnung einen schwarzen Tschador. Das Kopftuch ist allerdings mit Blümchen verziert – ein dezentes politisches Signal für eine Auflockerung der strengen religiösen Standards.

Rahnavard war bis 2006 die erste Universitäts-Rektorin im Iran. Sie ist eine Power-Frau, die Mussawi insbesondere bei den weiblichen Wählern Sympathien bringen soll. Ein detailliertes Programm hat der Oppositions-Mann bislang noch nicht vorgelegt. Er will den Medien und Universitäten mehr Freiheit geben, heißt es. Beim iranischen Atom-Programm setzen seine Leute auf weniger Konfrontation und einen freundlicheren Umgangston. Zum Abschluss der Stimmabgabe macht Mussawi ein schüchternes Victory-Zeichen und zieht ab.

Aber auch in Ahmadinedschad-Land hat Mussawi seine Anhänger. „Wir müssen die internationale Isolierung des Irans aufbrechen“, sagt der 21-jährige Maschinenbau-Student Daniel. Er hat ein schwarzes T-Shirt von Dolce & Gabbana und dunkle Jeans an. Sudeh, eine 26-jährige Buchhalterin nennt Ahmadinedschad offen einen „Lügner“. Manuchehr, ein 29-jähriger OP-Assistent, sieht das ganz anders: Er wählt Ahmadinedschad. „Die Lebensbedingungen im Iran sind okay“, meint er. „Unsere hohe Inflationsrate von mehr als 20 Prozent liegt auch an der globalen Finanzkrise.“ Zwischen 700 und 800 Dollar bringt er pro Monat netto nach Hause: „Damit komme ich gut über die Runden.“ Auch die 40-jährige Hausfrau Shahin, vorschriftsmäßig in einen schwarzen Tschador gehüllt, schwört auf den Präsidenten. „Er ist ehrlich und mutig“, betont sie. Eine Verbesserung der Beziehungen zu den USA hält sie für ausgeschlossen: „Amerika ist unser Feind.“

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