Wahlen in der Türkei
Erdogan eilt von Sieg zu Sieg

„Weltführer“, „Meister“, „Prophet“: Der türkische Premier gilt als Favorit für die bevorstehende Präsidentenwahl. Doch Kritiker nennen Erdogan einen Despoten – wegen dessen Pläne für die Zeit nach der Wahl.
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AthenAls es 0:3 für seine Mannschaft stand, hielt es den prominenten Kicker nicht länger auf der Reservebank: Recep Tayyip Erdogan lief aufs Spielfeld, tauchte schnell vor dem gegnerischen Tor auf. Artig „verloren“ Abwehrspieler der gegnerischen Mannschaft den Ball an Erdogan und zogen sich zurück. Der Premier erzielte nicht nur den Anschlusstreffer sondern beförderte den Ball in den folgenden 15 Minuten zwei weitere Male ins Netz. Der Torwart machte keinerlei Anstalten, einen der eher kraftlos wirkenden Schüsse zu halten. Es war zwar nur ein Freundschaftsspiel anlässlich der Eröffnung des neuen Istanbuler Fatih-Terim-Stadions am vergangenen Wochenende. Aber so ist das nun mal in der „Neuen Türkei“: Erdogan trifft immer.

Der Gastspieler lief übrigens mit der Rückennummer 12 auf – ein dezenter Hinweis darauf, dass er in Kürze zum zwölften Staatspräsidenten der Türkischen Republik gewählt werden möchte. Niemand in der Türkei zweifelt daran, wer die Präsidentenwahl gewinnen wird. Erdogans Gegner, der von den beiden größten Oppositionsparteien nominierte Islamgelehrte Ekmeleddin Ihsanoglu und der Kurdenpolitiker Selahattin Demirtas, gelten als chancenlos. Strittig ist nur, ob Erdogan bereits im ersten Wahlgang am 10. August die notwendige absolute Mehrheit erreicht oder sich zwei Wochen später einer Stichwahl stellen muss.

Damit nähert sich eine bemerkenswerte politische Karriere ihrem Höhepunkt. Der 1954 als Spross einer Seemannsfamilie geborene Erdogan wuchs im schäbigen Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa auf, musste sich sein Taschengeld mit dem Verkauf von Limonade und Sesamkringeln verdienen. Eine Karriere als Profifußballer schlug er auf Geheiß des strengen Vaters aus. Der schickte ihn auf eine islamische Priesterschule. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften arbeitete Erdogan in der Istanbuler Stadtverwaltung. 1994 gewann er als Kandidat der islamisch-fundamentalistischen Wohlfahrtspartei überraschend die Wahl zum Oberbürgermeister.

Auf den Straßen von Kasimpasa hat Erdogan gelernt, wie man sich behauptet. Er ist ein Kämpfer. Nach Rückschlägen steht er umso kampfeslustiger wieder auf. Politisch Totgesagte leben länger: Eine Haftstrafe wegen islamistischer Hetze Ende der 1990er Jahre hielt ihn ebenso wenig auf wie ein politisches Berufsverbot. Das hob seine islamisch-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) nach ihrem Wahlsieg Ende 2002 kurzerhand auf. Vier Monate später wurde Erdogan Premierminister. Unter seiner Regierung erlebte die Türkei ein beispielloses Wirtschaftswunder. Das statistische Pro-Kopf-Einkommen hat sich in zehn Jahren verdreifacht. Vor allem deshalb fuhr Erdogans Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) bei jeder Wahl ein höheres Stimmenergebnis ein.

Kommentare zu " Wahlen in der Türkei: Erdogan eilt von Sieg zu Sieg"

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  • Solche Männer sind in ihrer offenbar durch nichts zu erschütternden (typisch männlichen...) Selbstherrlichkeit derart verblendet, dass sie gar nicht mitkriegen, wie lächerlich sie sich mit dem dummen Zeug, das sie so von sich geben außerhalb des Kreises ihrer (blind ergebenen) Gefolgschaft machen. Da lohnt es sich einfach nicht, sich darüber aufzuregen.

    Leider haben sie gleichwohl viel zu viel Macht und Einfluss.

    Marie von Ebner-Eschenbach hat es mal sehr schön auf den Punkt gebracht:
    „Eine kluge Frau hat Millionen von Feinden: Alle dummen Männer.“

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