Wahlen in der Ukraine
Das kleinere Übel

Einen Tag vor den Wahlen in der Ukraine ist die Tendenz klar. Milliardär Poroschenko führt die Umfragen haushoch an. Doch die Kraft der Maidan-Bewegung scheint am Ende – nur wenige glauben noch an eine neue Ukraine.
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KiewDas Plakat in der Nähe des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew ist verblichen. Die Sonne hat ihren Preis gefordert, Wind und Regen haben ihm zudem zugesetzt. Trotzdem lässt sich die ursprüngliche Botschaft noch erahnen, „Leben auf eine andere Art“, steht da neben dem Konterfei von Petro Poroschenko. Er will den Neuanfang, will seine Landsleute davon überzeugen, dass ein Leben mit dem Zahlen von Steuern, aber ohne Korruption ein besseres ist. Stabilität und tiefgreifende Reformen der maroden Wirtschaft verspricht er. Viele Menschen glauben ihm und sehen in ihm die allerletzte Chance für einen Neuanfang.

Der 48-jährige Petro Poroschenko führt nach letzten Umfragen haushoch vor seinen Konkurrenten. Der Schokoladenfabrikant erhält demnach rund 47 Prozent der Stimmen, gefolgt von Sergej Tihipko (10,6 Prozent) und der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko (10,4 Prozent).

Sollten sich diese Umfrageergebnisse am Sonntag bewahrheiten, würde es einen zweiten Wahlgang geben müssen, da Poroschenko die absolute Mehrheit knapp verfehlt hätte. „Ich hoffe, er schafft es schon im ersten Durchgang“, sagt eine ältere Frau auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Kiew.

Hier hatte alles angefangen, Ende November vergangenen Jahres. Hier hatten sich zehntausende Menschen versammelt und den Rücktritt von Präsident Viktor Janukowitsch gefordert. Hier war es nach wochenlangen Protesten in eisiger Kälte Ende Februar zu den Todesschüssen gekommen, denen mindestens 100 Menschen zum Opfer fielen. Hier hatte sich die ganze Wut der Menschen über die Plünderung ihres Landes der durch und durch korrupte Führung entladen.

Die Zelte stehen noch, wie die Barrikaden aus Autoreifen, Steinen und Holz. „Wir warten auf jeden Fall noch die Wahlen ab“, sagt Oleg Pikusj, der mit ganz kurzen Unterbrechungen seit Dezember auf dem Maidan zuerst der Kälte und der Lebensgefahr, später dem spürbar abnehmenden Enthusiasmus vieler Kiewer getrotzt hat. Kamen im Februar noch Tausende fast täglich direkt nach der Arbeit zum Maidan, herrscht hier heute eher Revolutionstourismus. Ganze Heerscharen mit Kameras bewaffneter Skandinavier, Japaner und Deutscher suchen zwischen den Stapeln mit Pflastersteinen nach dem richtigen Schuss.

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